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Irlandreise

- Zwischen Gasgriff und Guinness oder mit Horsepower in den Pub -

 

 

Freitag, 16. Mai: Durlach - Le Havre

 

Frühstück vor dem Bahnhof von Wissembourg. Nach dem Aufwachen bin ich gleich ins Leder gestiegen, währenddessen das Wasser für die Thermoskanne den Siedepunkt erreicht hatte. Die Yamaha XJ 900 hatte ich am Abend zuvor schon komplett bepackt. Möglichst schnell von zu Hause weg zu kommen war mein größtes Anliegen. Also auf die Südtangente, über den Rhein und rein nach Frankreich. Jetzt sitze ich neben dem Bahnhofseingang und muß erst Mal was essen, vom Vordach des Gebäudes nur mäßig vor dem Nieselregen geschützt, der vor einer Viertelstunde begonnen hatte.

Vor mir der Weg nach Irland, eine Reise mit dem Motorrad, wie ich sie mir schon lange gewünscht hatte. Technisch ist das Krad topfit; zuvor hatte ich alles durchchecken lassen und neue Reifen gekauft. Jetzt sitze ich und kaue an einem Stück Vollkornbrot, vermutlich eines meiner letzten Stücke - ab jetzt ist Weißbrot angesagt, in Frankreich auf hohem Niveau, bei Briten und Iren von eigenartiger Konsistenz, fürchte ich. Der Motor hat kaum abgekühlt, schwinge ich mich schon wieder zwischen Tankrucksack und die zwei großen Reisetaschen, die ich auf dem Soziussitz festgeschnallt habe.

Weiterfahrt über Bitche nach Sarreguemines: Eine wunderschöne Strecke führt durch den Wald und die Farben des Laubs leuchten in saftigen Grüntönen des Frühsommers. Die Route National überhäuft mich mit Kurven und Steigungen und die schnell abtrocknende Fahrbahn ist griffig und will in Ideallinie genommen werden.

Metz beeindruckt mit alten Villen und Stadthäusern der Jahrhundertwende, stadtauswärts folge ich den Wegweisern an roten Ziegelbauten vorbei, die fast zu schön sind, um in sich schnöde Industriebetriebe zu beherbergen.

Bei Verdun regnet es wieder; ich sehe riesige Soldatenfriedhöfe mit Doppelkreuzen und Denkmälern, ahne wieviel Mensch und Material im 1. Weltkrieg hier vergeudet wurde.

Vor Reims bestimmen die gelben Rapsfelder das Landschaftsbild. Die Hügellandschaft wirkt abwechslungsreich und vermittelt das Gefühl, gut voran zu kommen. Bei Auvs nieselt es erneut, ich stelle mich in einer verlassenen Scheune unter und mache eine Mittagspause mit Erholungschläfchen,  als ich erwache scheint die Sonne wieder. In Reims zögere ich nur kurz und entscheide mich, die Kathedrale ein anderes Mal zu besuchen,  ich will heute noch bis Le Havre kommen...

Bei Compiégne muß ich auf Reserve umschalten und finde kurz vor knapp endlich am Bürgersteig die rettenden Zapfsäulen. Diese Stadt überrascht mich mit großzügigen Grünanlagen und komplexer Stadtarchitektur privater und öffentlicher Gebäude: Mit Sicherheit ein Besuch wert,  aber - wie schon gesagt - ein anderes Mal!

In Rouen verfahre ich mich kurz und mache ein Anstandsfoto vom mächtigen Turm der das Stadtbild beherrschenden Kathedrale: Mein Eindruck ist verhalten, ist doch einer der beiden Türme eingerüstet und die Silhouette halb verdeckt von Hochhäusern aus den sechziger Jahren. Aber die Seine fließt davon unbekümmert ihrem naheliegenden Ziel, dem Atlantik, zu.

Als ich die Docks von Le Havre erreiche, ist es schon dunkel geworden. Ich habe Glück, gleich am ersten Tag! Die Kabinen sind zwar alle belegt, aber ein einfaches Ticket für mich und mein Motorrad gibt es allemal - die Überfahrt nach Portsmouth ist gesichert.

Das Motorrad verzurre ich sorgfältig an der Schiffswand, dort wo schon andere Biker ihre Mühlen befestigt haben. Ordentlich aufgebockt können so eventuelle Schiffsbewegungen meinem Ofen nichts anhaben. Zum Schlafen schicken sie mich auf das K-Deck, ganz unten, unter der Wasserlinie, wo die Sechser-Kojen mit plastiküberzogenen Matratzen ausgestattet sind.

Dort riecht wie in einer ungeputzten Turnhalle des Britischen Empire. Es ist heiß und die Luft ist verbraucht. Oben, auf dem B-Deck, wo die feinen Leute nächtigen, lege ich mich später auf die Gangway, unter der Brücke zwischen den Boxen mit den Life-Belts.

Die Luft im Freien ist angenehmer; lediglich der Fahrtwind streicht über das Deck und der Mond scheint zögerlich zwischen ein paar Wolken hindurch auf den regen Schiffsverkehr im Kanal. Das Meer wirkt friedlich wie der zugefrorene Mummelsee und den Kopf auf der geknautschten Lederjacke gebettet, wiegen mich die vibrierenden Antriebsaggregate in den Schlaf.

Zwei Stunden später ziehe ich dann doch den weichen Teppichboden vor der Rezeption im E-Deck vor und komme zwischen bewohnten Stühlen erneut zur Ruhe.

 

 

Samstag, 17. Mai: Portsmouth - Pembroke Docks

 

Die Sonne wabert wie ein alter Dotter über den Kaianlagen, als ich im Dunst  stringent links fahrend  den Weg nach Southampton suche. Die Fähre ist pünktlich um 6 Uhr Ortszeit eingelaufen und schnell hat sich der Schiffsbauch entleert.

Ruck-zuck bin ich auf einer Autobahn, was ich nicht möchte und der Nebel wird immer stärker. Visier und Brille beschlagen gleichermaßen; der Frühverkehr verdichtet sich und ich suche über die nächste Ausfahrt nach einer ruhigeren Alternative mein Ziel zu erreichen.

Die Straße nach Salisbury ist dann wieder im wesentlichen eine autobahnähnliche Schnellstraße und der Nebel wird immer dicker. Am Central-Market von Salisbury nehme ich einen 8-Uhr-Tee und beobachte, wie die Händler ihre Stände aufbauen. Trotz grauem Himmel und mäßigen Temperaturen laufen die Briten schon in kurzen Hosen und ärmellosen T-Shirts zum Einkaufen. Kathedrale und "Old-Sarum-Castle" werden wohl ein anderes Mal Ziel einer Reise sein! Ich suche jetzt lieber die "Road to Stonehenge".

Plötzlich taucht das Monument auf der linken Straßenseite auf,  eingebettet in einer hügeligen Wiesenlandschaft ruhen die mächtigen Quader auf- und nebeneinander. Der Zaun, der weitläufig das Areal umfaßt, stört. Aber ab 9.30 Uhr könnte ich,  nach Zahlung von 3 Pfund - auf mit Seilen abgesicherten Wegen das Monument umschreiten. Ich verzichte.

Gehemmt vom Grau des Himmels mache ich ein paar Fotos und setze mich neben eine junge Frau, die sich in Meditationshaltung vor dem Zaun niedergelassen hat. Ihre geöffneten Hände auf den Knien ruhend, versucht sie wohl die Energie der mystischen Steine in sich aufzunehmen. Ich versuche es ihr gleich zu tun. Den Blick ruhig auf das Rund gerichtet glaube ich einen Augenblick lang, Merlin mit seinem weißen Bart in den Schattierungen der Quaderoberflächen zu erkennen...

Bald folge ich der gewundenen Landstraße in Richtung Bath. Dort angekommen suche ich nach einer Bank um Francs in Pfund zu tauschen und muß feststellen: Bath hat keine Banken! Vom dritten Passanten, den ich anspreche,  es ist ein Schwede(!),  erfahre ich, daß die Banken in einer bestimmten Straße sind. Er führt mich hin. Natürlich sind die Banken heute geschlossen: Es ist Samstag. Also probiere ich die Credit-Card am Automaten. Beim dritten Cash-Dispenser klappt es endlich - ich habe Geld, ich bin jetzt wieder wer.

Hinter Newport möchte ich, die Küste verlassend, über Merthyr Tydfil nach Pembroke kommen. Irgendwann bin ich plötzlich wieder auf einer Autobahn und finde endlich einen Rastplatz, der  welch überraschender Komfort  auch Bänke und Tische bietet. Ich mache ein Schläfchen bis mich Regentropfen wecken. Zwischen den Toilettenhäuschen kann ich mein Motorrad und mich unterstellen. Es gießt jetzt in Strömen und der Einsatz der Regenkombi ist unvermeidlich. Nach einem halbstündigen Verpackungsakt für Mensch und Material fahre ich weiter und lande in Monmouth, wohin ich niemals wollte! Nach einem Tankstop abseits der Autobahn brauche ich 20 Minuten und fast ebenso viele Meilen, um wieder auf die Autobahn zu kommen - wünschenswerter Weise in die Gegenrichtung.

Diese Problematik setzt sich für den Rest des Tages fort: Wo eben noch der Weg nach Swansea führte, endet er - mir-nichts-dir-nichts - in Cardiff. Dann muß ich erst zwei Mal die halbe Stadt umrunden, um einen Hinweis zu finden, daß die Straße angeblich wieder (Hoffnung?!?) nach Swansea geht. An jedem zweiten Roundabout muß ich anhalten, die mit Gummihandschuhen überstülpten Lederhandschuhe ab und wieder überstreifen, um die Beschilderung anhand der Straßenkarte zu überprüfen. Weil der Ausschnitt unter der Klarsichthülle des Tankrucksacks nicht ausreicht, wird sie dabei auch noch ordentlich naß. Die britischen Wegweiser informieren nur in 7-Meilen-Abständen! Hinweise auf weiter entfernte Ziele existieren praktisch nicht. Wenn der Helm nicht wäre, würde ich jetzt vor lauter Ärger in den Lenker beißen. Ich rase mit 140 Sachen die M4 weiter, immer gegenwärtig, sie könnte plötzlich verschwunden sein und ich befände mich plötzlich auf einer A-irgendwas nach nirgendwo.

Erst ab St. Clears, 32 Meilen vor Pembroke, wird dieser Ort erstmals angezeigt. Ich atme auf. Der immer wieder schauernd einsetzende Regen stört mich schon lange nicht mehr. Das Grau des Himmels ist zum Abend hin um Nuancen dunkler geworden und als ich mein Ziel erreiche ist es Nacht geworden.

Die Abfertigungshalle von "Irish Ferries" in Pembroke-Docks wirkt verlassen wie ein aufgegebener Hangar der British Air Force. Kein Licht, kein Schild, ein paar verloren geparkte Autos auf dem riesigen Parkplatz vor dem Terminal. Eines der Fahrzeuge ist mit einer deutschen Familie beladen. Die hat die 15 UhrFähre verpaßt und wartet nun auf die, die um 3.00 Uhr ablegen soll. Von irgend jemanden haben sie erfahren, daß das Terminal um 23 Uhr wieder öffnen soll. Eine scheinbar kundige Eingeborene, der ich beim Wegfahren begegne, rät mir, bereits heute Nacht mein Ticket für morgen zu kaufen.

Im Ort finde ich nach geraumer Suche ein "Bed & Breakfast" mit einem komfortablen Zimmer: Raus aus den feuchten Klamotten, duschen, essen, ausruhen; im TV verfolge ich die News des heutigen Tages.

Um 23 Uhr bin ich wieder am Terminal: Das Licht geht an. Das Leuchtschrift-Laufband mit den Informationen für Reisende funktioniert plötzlich auch wieder aber Tickets gibt es erst ab Mitternacht. Wäre da nicht der kleine überfüllte Pub im Ort gewesen, mit seiner Zwei-Mann-Band, unterstützt von einer Rhythmusmaschine und den hüpfenden und singenden Gästen aller Altersklassen bei Bier und Schnaps  mein erneut aufgeflammter Ärger über die vermeintlich unnütze Stunde wäre nur schwer zu besänftigen gewesen.

"Banned or Behave". Amüsiert lese ich die hinter dem Tresen ausgehängten Namenslisten jener, die innerhalb der Grafschaft Pembrokeshire nicht mehr in die Kneipen dürfen, weil sie sich nicht anständig benommen hatten - einschließlich bis zu der verhängten Sperrfrist. Ein Reglement, das der deutschen Kneipenkultur auch gut anstehen würde.

Mein Ticket hätte ich übrigens auch noch am nächsten Tag bekommen,  aber sicher ist sicher!

 

 

Sonntag, 18. Mai: Pembroke Docks - New Ross

 

Alle Kleider wieder trocken! Sogar draußen sind nur noch ein paar Pfützen zu sehen, wie der Blick aus dem Fenster zeigt. Trotz geschlossener Wolkendecke und zu befürchtendem Regen fahre ich nach dem Frühstück los - nur im Leder. Meine fetten Reisetaschen kann ich im "B & B" bis zur Abfahrt der Fähre zurücklassen. Um 14 Uhr sollte ich am Dock sein und so mache ich bis dahin einen kleinen Trip in meine Vergangenheit ...

1969 war ich einst zu Besuch in Soundersfoot bei einem "Welsh-Girl". Wir hatten uns bei einer Klassenfahrt auf einem Rheindampfer kennengelernt und ich glaubte, sie wiedersehen zu müssen. Von ihrer Familie freundlich aufgenommen und beherbergt, verbrachte ich damals zwei abwechslungsreiche Wochen am Strand und im Pub. Danach haben wir uns noch ein paar Mal geschrieben und dann nichts mehr voneinander gehört.

Auf dem Weg nach Tenby werfe ich einen längeren Blick auf ein altes Castle und verweile am Strand, schreibend. Es bleibt trocken und die Sonne ächzt hinter der Wolkenpampe. Familien schlendern an der Wasserlinie der kleinen Bucht entlang. Ein paar Kinder platschen auf groben Schwimmkeilen in der schwachen Brandung. Eine Reiterin führt ihr Pferd ins Wasser,  ungern bekommt der Gaul nasse Hufe und trabt erleichtert wieder trockenem Untergrund zu, als die Zügel lockerer werden.

In Soundersfoot erkenne ich natürlich nichts und niemanden mehr. Der Badeort wirkt touristisch gut erschlossen und familienfreundlich, ich mache ein Anstandsfoto und fahre die angenehm kurvenreiche Strecke zurück nach Pembroke Docks. Sorgfältig packe ich Taschen und Tankrucksack auf und schiffe mich an Bord der "Isle of Innisfree" ein.

Es gibt einen Luggage-Room. Dort verstaue ich Tankrucksack und Helm, nehme im Bordrestaurant ein Chicken-Curry und danach ein erstes Guinness auf dem verglasten Panoramadeck. Sinnend betrachte ich die Schaumspur, die sich hinter dem Dampfer verliert. Mit meinem Timing bin ich sehr zufrieden. Binnen zwei, -also gut, fast drei - Tagen von Baden nach "Eire" zu kommen, ist gar nicht so übel. Hoffentlich wird das Wetter besser. Die vereinzelten Wolken kann man jetzt an einer Hand abzählen,  strahlender Sonnenschein ergießt sich über die Irische See.

 

Endlich Irland! Beschienen von einer kräftigen Sonne rolle ich auf die Pier von Rosslare.

Den Ort lasse ich auf einer breiten, gut ausgebauten Straße hinter mir und spurte über Wexford nach Westen, der Route nach Cork folgend. Das Wetter ist sonntäglich. Bauschig und bunt sind die Wolken jetzt, erleuchtet von der im Westen niedergehenden Sonne. Die blendet mich heftig - nur mühsam kann ich die Wegweiser erkennen, muß immer wieder mit der linken Hand den Augen Schatten spenden. Im Abendlicht wirkt die Landschaft Südirlands satt und saftig. Ein sanfter Wind wiegt die Gräser - tatsächlich grün, die Insel.

In New Ross entdecke ich auf der anderen Straßenseite einen Geldautomaten - Money in my pocket. Die Häuserfront entlang der Uferpromenade ist in warmes Licht getaucht und nach zwei Runden durch den überschaubaren Ort habe ich schnell mein erstes irisches "B&B" gefunden: Großmutter kommt aus der Küche, als ich in den Hof brumme und weist mir ein Plätzchen zu,  erst fürs Motorrad, dann für mich selbst. Das Etablissement hat das Flair der 50er Jahre, obwohl mit Möbeln aus den 3Oern ausgestattet,  so mag ich es; selbst die Gerüche!

Schnell aus der Lederlatzhose, "zivile" Hose und endlich mal andere Schuhe angezogen und das schwindende Tageslicht noch für einen Spaziergang nutzen. In einem Schnellimbiß erstehe ich einen gebackenen, salzarmen Fisch und in Currysauce ertrunkene Pommes. Den abendlichen Verkehr betrachtend, auf einer Bank am Ufer des Flusses sitzend, mampfe ich alles nieder. Beim Flanieren fällt mir dann ein Pub auf, in den nicht nur eben eine junge Frau mit roten Haaren und Motorradlederjacke hineingeht, sondern,  beim Blick durchs Fenster sofort von mir erkannt,  drinnen auch lauter lederjackengekleidete Leute sitzen. Da ich ebenfalls angemessen angezogen bin, gehe ich ihr nach.

Zwischen all den Lederjacken gibt es gutes Guinness und gute Musik. An den Wänden sind allerlei Meetings von Motorradtreffen gepinnt,  ganz besonders für Harley-Fahrer. Die Rothaarige trinkt ihr Bier alleine und macht Small talk mit der Barkeeperin. Zum Pint nehme ich einen Whiskey aus Cork, packe mein Tagebuch aus und schreibe.

Zurück in "Omas Lodge" versinke in der antiken Matratze, die wohl seinerzeit zu ihrer Aussteuer gehört haben mochte.

 

 

Montag, 19. Mai: New Ross - Glengarriff

 

Der Frühstücksraum ist wie das Zimmer: Der Stuhl am freundlich zugewiesenen Tisch ist nach vielen Jahren einseitig abgesessen,  ich tausche mit einem vom Tisch daneben. Das Frühstück ist Irish: Orangensaft; auf Wunsch Tee, Toast, gebratener Schinken und die kleinen, gebratenen,  woraus auch immer bestehenden,  Würstchen. Gerade deswegen genieße ich alles ausgiebig, verstaue die anschließend mit heißem Wasser gefüllte Thermoskanne im Tankrucksack.

Die Luft ist klar und trocken, das gute Wetter von gestern scheint sich fortzusetzen. Die Straße nach Cork ist nur mäßig befahren, führt mich vorbei an einem Gaul, der am Straßenrand dem Verkehr den Hintern entgegenstreckt,.

Cork beeindruckt zunächst durch seine Größe und die vielen Brücken über den Fluß. Die nähere Erkundung dieser Stadt verschiebe ich auf ein anderes Mal. Vor einem "French-Pub" trinke ich einen Kaffee und ein Mineralwasser und studiere die Straßenkarte. Aus der Stadt wieder herauszufinden kostet mich eine Extrarunde, mutiert dann doch zu einer kleinen Stadtrundfahrt.

Die parallele Alternative zur Hauptstraße finde ich erst wieder weit hinter Cork. Mit Blick auf den River Lee mache ich Pause auf einer Wiese, beäugt von in sicherem Abstand hoppelnden Karnickeln. Die schnuckeligen Nebenstraßen, denen ich nun folge, machen mich ebenso hoppeln. Zum Ausgleich noch weniger Verkehr und entzückende Kurven; vorbei an Drei-Häuser-Ortschaften, entlang den mäandernden Windungen des Lee, swinge ich der Westküste entgegen.

Unvermittelt erreiche ich die Ufer der Bantry Bay. Ist das noch Flußmündung oder schon der Atlantik? Die felsige Küste wirkt bizarr und harmonisch zugleich,  das weiche Licht des späten Nachmittags und reizvolle Ausblicke auf glitzernde Buchten mit schroffen Klippen zwingen zu mehreren Fotostops.

In Glengarriff entdecke ich einen Wegweiser zu einem Campground und finde mein Plätzchen für die Nacht: An einem Bach besetze ich eine wie für mich gemachte Parzelle und errichte ganz entspannt mein kleines, gemütliches Zelt. Im Ort ist ein kleiner Supermarkt mit Postoffice. Dort kaufe ich Brot, ein paar Zwiebeln, Knoblauch und eine chinesische Tütensuppe. Nach dem Dinner spanne ich den Poncho zum Schutz gegen den einsetzenden Tröpfelregen zwischen Zelt und Motorrad und rauche eine Verdauungszigarette Nach dem Duschen ist meine Brille verschwunden. Ich durchwühle alles im Zelt und pflüge den Rasen um,  nichts!

Vielleicht bringt sie mir der morgige Tag zurück?

 

 

Dienstag, 20. Mai: Ring of Beara Part I

 

Eigentlich ist ein regnerischer Tag zu befürchten. Die ganze Nacht hatten heftige Schauer auf das winzige Dach meiner "Hundehütte" getrommelt und am Morgen nieselte es immer noch..

Ich kauere unter meiner Plane und trinke erst mal eine Tasse Kaffee. In einer Schauerpause schnell in die Regenkombi geschlüpft und im Ort frische Brötchen und Belag erstanden.

Nach dem Frühstück hat der Regen aufgehört. Sonnenstrahlen schmuggeln sich durch die Wolken. Grund genug, sich um die Wäsche zu kümmern; schließlich ist bei Bikern die Garderobe schmal. Schnell ein paar Sachen durchs waschpastengestärkte Wasser gezogen, ausgespült und aufgehängt. Die großen Taschen verstaue ich im Zelt, auch den Tankrucksack kann ich wesentlich verkleinern. Dem Wetter traue ich allerdings nicht, spanne einen kleinen Rucksack mit der Regenkombi drin auf den Sozius.

High noon bin ich on the Road again. Ohne Gepäck lenkt sich's fast mit einer Hand. In Schräglage nehme ich Kurve um Kurve. Die Straße folgt nur kurz dem Verlauf der Bantrybucht und windet sich dann, von Mauern oder von hohen Büschen gesäumt, nach Westen.

Fast hätte ich die Abzweigung zu einem Steingrab übersehen, die rechts die ansteigenden Hänge hinauf führt. Ich fahre den engen Weg bergan; bewohnte und verlassene Häuser wechseln sich ab. Dann geht es nur noch zu Fuß weiter. Über eine Leitertreppe überwinde ich den Zaun, gehe stetig bergauf. Helm und Tankrucksack schleppend komme ich schwer ins Atmen und schwitze still ins Leder. Ein bißchen enttäuscht bin ich dann schon, als ich das "Monument" entdecke: Zwei senkrechte, kaum einen Meter aus dem Boden ragende Felsplatten, gedeckelt mit einer Weiteren, nicht größer als das Dach meines T-Modells zu Hause; darunter ein knietiefes Loch. Aber die Aussicht ist grandios: Wie die Wiesen zum Meer hin abfallen, wie das Licht spielt auf dem Wasser, wie die Wolken sich träge über die Bucht schieben und das Gras schon nach Sommer riecht! Es ist still. Ich setze mich und kaue einen Halm und komme ins Sinnieren, wahrlich, es gibt schlechtere Plätze, begraben zu werden.

Als ich den Feldweg weiter entlang tuckere, entdecke ich nach einem Kilometer einen einzelnen, sich dem Himmel entgegenstreckenden Standing-Stone, der aus der Distanz wie ein beim Hochhausbau vergessenes Wandelement wirkt.

Zurück auf der Hauptroute komme ich weiter nach Castle Townbere und nehme einen Snack in einem kleinen Kolonialwarenladen mit Pub, oder ist es ein Pub, in dem man auch Einkaufen kann?

Am Ortende dann endlich der Hinweis zum hiesigen Stone-Circle. Er liegt direkt neben der kleinen Straße, die den Hügel hinauf führt. Ich stelle die Mühle auf den Seitenständer und durchschreite das Gattertor. In gebührendem Abstand umrunde ich den Kreis, betrete dann sein inneres, von der in der Nähe grasenden Kuh unbeachtet. In einem Durchmesser von ca. sechs Metern sind 12 Steine aneinander gereiht, mannshoch bisweilen, versunken oder gebrochen, manche kaum knöchelhoch. In der Mitte liegt ein helmförmiger, weichgerundeter Brocken, auf dem ich mich im Schneidersitz niederlasse. Die Sonne wärmt mir die Handflächen:, am Horizont erhasche ich einen Blick auf die Bucht.

Ruhe in mich einkehren lassend konzentriert sich mein Blick auf die verwaschenen Reliefs der mir zugewandten Steine und ich sehe: Ein greises Gesicht das mich aus grauen Augen anblickt, einen noch nicht flüggen Adler, die flaumigen Schwingen wie zum Flugversuch gespreizt, einen bizarren Schädel, starr nach Westen schauend...

Wind kommt auf und bringt mich ins schwanken. Ich lege mich auf den Rücken und gucke in das vorherrschende Blau des Himmels, der stellenweise mit wattenen Wölkchen betupft ist.

Als ich mich wieder erhebe und zum Gehen wende, habe ich das spontane Bedürfnis, etwas an diesem Ort zurückzulassen. In der Motorradjacke finde ich ein Stück Würfelzucker. Ich hebe den Stein an, auf dem ich saß und entdecke eine Münze, die dort von irgendwem zurückgelassen wurde,  möge der Zucker mit der Zeit den Rost versüßen...

Weiter oben gibt der Feldweg wieder einen weiten Blick auf die Bantry Bay frei. Endlos ansteigend und wieder abfallend schmiegen sich die Hügel zu den kahlen Bergen hin. Unvermittelt taucht zur Rechten ein Ringfort auf, eine prähistorische Schutz- und Wehranlage die aussieht, wie ein über den Rand der Backform gequollener Hefekuchen. Auf der Rückseite ist eine kleine Öffnung im Rund zu erkennen, die wohl den ehemaligen Zugang markiert.

Ein paar Schafe fliehen gemächlich, als ich näher komme, um dann in sicherem Abstand weiter zu grasen.

Als ich zum Gatter zurückkehre, vor dem mein Motorrad aufgebockt steht, höre ich plötzlich Musik. Zarte Töne, wie von einer Flöte und einer Harfe erzeugt, flirren an mein Ohr. Ich sehe mich um und kann niemanden entdecken.

Augenblicklich ist es dann wieder still!

Kaum setzt jedoch der von den Bergen abfallende Wind wieder ein, wehen mich erneut liebliche Klänge an: Ist es die Logik der Physik, die mir erklärt, daß Luft über das vertikale Eisenrohr des Gatters streicht oder ist es die Kraft der Mystik, die den Wind zum Komponisten macht? Leicht verklärt fahre ich zur Hauptstraße zurück. Die frei herumlaufenden Pferde beäugen mich mit aufgestellten Ohren, die Fohlen suchen vorsichtshalber die Nähe der Stute.

Und immer wieder diese berauschende Aussicht auf das Wasser der Bay, vom schwachen Wind nur leicht gekräuselt. Im Einklang mit den Bewegungen der Gräser wirkt die Landschaft harmonisch und sehr friedlich.

Jetzt habe ich den westlichsten Punkt der Halbinsel überschritten und folge einer engen Paßstraße. Die Küste fällt nun steil zum Wasser der Dingle Bay hin ab. Als ich wieder abwärts rolle, sehe ich eine Frau zügig die Serpentinen hinunter gehen. Sie trägt eine Videokassette in der Hand,  wohl auf dem Weg in den Verleih im weit entfernten, nächsten Ort. Ich biete ihr mit einer Handbewegung Mitfahrgelegenheit auf dem Sozius und sie nimmt dankbar Platz auf dem Daypack mit der Regenkombi drin. Unvorstellbar, daß sie später den ganzen weiten Weg bergauf zurückwandern wird!

Auf dem Weg nach Ardgroom verliere ich mich auf ins Abseits führende Feldwege, finde aber immer wieder zur Küstenstraße zurück, die in wilden Windungen nach Nordosten führt. Der Tag neigt sich dem Ende zu und ich fürchte schon, nicht mehr bei Tageslicht nach Glengarriff zu gelangen. Bei Lauragh wähle ich den Weg über den Healy-Pass, der wieder nach Adrigole an der Südseite von Beara führt. Von dort aus wieder zurück zum Zeltplatz auf der schon bekannten Küstenstraße des frühen Nachmittags.

Beim Anstieg leuchtet der Glenmore-Lake im Glanz der untergehenden Sonne. Die die Felder trennenden Mauern reichen fast bis an seine Ufer und bilden ein obskures Mosaik.

Auf dem Paß bleibt mir die Luft weg: Kilometerweit überschaubar schlängeln sich die Serpentinen zu Tal. In Hüftschwung provozierenden Kurven verliert sich die Straße am Horizont. Für Motorradfahrer vom Feinsten. Und kaum noch Fahrzeuge unterwegs! Verzückt fetze ich talwärts, in den Kehren nagen meine Stiefelspitzen am Asphalt. Keine Frage: Ich bin entschlossen, diese Filetstrecke morgen auch bergauf genießen zu wollen...

 

 

 

Mittwoch, 21. Mai: Ring of Beara Part II

 

Bergauf fehlt leider der Überblick. Insbesondere der tagsüber regere Verkehr bremst aus. Auch scheinen sich die Schafe über Nacht wundersam vermehrt zu haben und grasen jetzt ganz besonders gern an nicht einsehbaren Stellen, dort wo das Grün schon nach Teer schmeckt. Trotzdem nehme ich die Kurven so gut es geht, surfe meine Serpentinen und bin auch bald oben auf dem Paß. Das Licht fällt tagsüber steiler auf den Glenmore-Lake,  verschwunden der Glanz des gestrigen Abends. Die steinernen Raine wirken unscharf und verblaßt und der See ist nur stumpfes Glas. Das Wetter verhält sich noch zögerlich, aber als ich bei Ardgroom meinen zweiten Stone-Circle betrete, bricht die Sonne endlich wieder durch und ich befreie mich von Lederjacke und Faserpelz.

Die Steine wirken schroff und sehr alt. Auf ihrer verwitternden Haut wachsen Moosflechten. Gebeugt und schief trotzen sie seit vielen Menschenaltern Wind und Wetter, Werten und Wandel. Abseits jeglicher Behausung beherrscht die Kultstätte die sie umgebende Landschaft und zieht den Besucher in ihren Bann. Welche Geheimnisse wurden hier wohl enthüllt, welche Lehren wem anvertraut?

Auffallend ist, daß außerhalb des grauen Kreises ein gut drei Meter hoher Monolith den Circle tangiert und überragt. Irgendwie wirkt dadurch die Symmetrie des Kreises gestört. Jenseits einer zutreffenden Erklärung vermute ich: Ist es eine kosmisches Formel oder ein astronomisches Zeichen,  vielleicht eine Hommage an einen besonders verdienten Druiden?.

Der Boden des Rundes ist uneben und mit zähem Gestrüpp bewachsen. Auf flachen, unregelmäßig verteilten Steinen liegen Münzen aus aller Herren Länder, ein kleiner Fingerring, Muscheln und das Foto eines Schäferhundes in einem Plastikclip. Ich spende ein Kondom - Schutz und Hülle gleichermaßen und in irgendeiner Tasche meiner Motorradjacke schon lange in Vergessenheit geraten gewesen.

Wieder habe ich eine großartige Aussicht zum Meer hin. In der Ferne grasen vereinzelt Kühe. Auf einem Stein sitzend lasse ich den Blick schweifen. In der Mitte des Kreises halte ich inne. An einem kargen Zweig sehe ich etwas Weißes leuchten. Bei näherer Betrachtung erkenne ich ein Stück Schafwolle, die wohl beim Weiden eines einsamen Schafes verloren ging. Ich nehme es als Geschenk der keltischen Kultstätte an,  später befestige ich es am Windshield der Yamaha, oberhalb des Scheinwerfers, direkt unter dem Zappa-Bepper mit dem typischen Bart. Ob Frank im Himmel jetzt einen weißen trägt?

Gelassen brummt die XJ den "Ring" Richtung Kenmare weiter, dann der Abzweigung zu einem weiteren Stone-Circle und einem Wasserfall nachfahrend. Unmittelbar geht der Teerbelag in einen unbefestigten Feldweg über und verlangt kuppeln und schalten, um eine kontinuierliche Geschwindigkeit zu halten. Vorbei an kleinen Teichen, die wohl Anglerherzen höher schlagen lassen würden, achte ich gezwungenermaßen auf den Weg, werfe nur gelegentlich einen Blick in die hügelige Landschaft. Nach einer Biegung sehe ich den Fußpfad-Hinweis zum Monument und die mit einem Vorhängeschloß gesicherte Box, in die man 1 Pfund werfen sollte, bevor man weitergeht. Ich verzichte, zumal ich nicht erkennen kann, wie weit der Weg bis zum Objekt meiner Neugier noch ist, und folge mit dem Motorrad weiter dem Feldweg, hin zum Wasserfall. Der tut sich zur Rechten auf, als ich dichtes Tannengehölz hinter mir gelassen habe und wieder bergauf fahre. Vorbei an vereinzelten Bauernhöfen endet der Weg unmittelbar vor einem umzäunten Haus. Eine Frau taucht auf und erklärt mir freundlich, daß ich wo immer ich wolle parken könne. Der herrliche Fußweg zum Wasserfall gehe allerdings über ihren Grund und Boden und dies koste 1 Pfund 50.

Ich erkläre ihr ebenso freundlich, daß ich lieber Motorrad fahre, als kostenpflichtige Wege zu beschreiten, und wende. Im Rückspiegel glaube ich in ihrem Gesicht eine Mischung aus Enttäuschung und Verständnislosigkeit zu erkennen. Mit meinem Filzstift beschrifte ich bis zur Hauptstraße zurück alle Hinweisschilder mit den derzeit aktuellen Preisen...

Gestärkt durch "Fish & Chips" ziehe ich mir danach zum Abend hin noch den örtlichen Stone-Circle von Kenmare rein. Er liegt nah am Ort und ist mit 14 niederen Steinen in einem Durchmesser von 12 m angelegt. Einer der ältesten in Südwestirland, wie ich auf der Infotafel lese. Und die Besichtigung kostet nichts, obwohl außerhalb ein amtliches Kassenhäuschen steht, dessen Aushang in blumigen Worten diese kulturhistorische Stätte preist,  aber keinen Eintrittspreis verrät.

Auf dem letzten Stück nach Glengarriff lasse ich von der Paßhöhe ab die Mühle im Leerlauf den Berg hinunter rollen und komme Sprit sparend, über 12 km weit, bis fast in den Ort. 

 

Donnerstag, 22. Mai: Glengarriff - Kells Bay  

Das Packen gerät zur Zeremonie: Erst alles auf den ausgebreiteten Poncho drapiert, dann die Kleidertasche mit den trocken Sachen gefüllt, zuletzt Zelt, Schlafsack und Isomatte in die andere Tasche. In aller Ruhe alles gut auf dem Sozius befestigt, Tankrucksack aufgelegt und ins Leder gestiegen.

Es ist zwölf Uhr als ich bei durchwachsenem Himmel Glengarriff hinter mir lasse. Auf der Straße zwischen Kenmore und Killarney herrscht reger Verkehr. Man spürt jetzt, daß die Gegend hier touristisch frequentierter ist; besonders oben bei Mollís Gap, wo die großen Busse parken. Ladieës View gibt den Blick frei auf den Lough Lake und den diesen See umgebenden Nationalpark. Langsam lasse ich mich die Serpentinen bergabwärts rollen; gelegentlich von gut aufgelegten Radfahrern überholt.

Killarney hat einen Hauch von Rüdesheim und im Tourist-Office gibt es einfache Faltkarten über den Ring of Kerry nur gegen Bares. Ein mit Bier und Whiskey reif gewordener Ire lacht sich halbtot über mein Schaffell am Windshield, murmelt anerkennendes über mein Motorrad und wünscht mir Gute Reise.

Nach einem ersten Fluchtversuch aus dieser Stadt, auf der Suche nach einem günstigen Imbiß, kehre ich erfolglos und reumütig nach "Irish-Rüdesheim" zurück. Tatsächlich finde ich dann doch noch ein kleines Straßenrestaurant mit Blick auf Verkehr, Passanten und aufs Motorrad. Nach dem Lunch bricht die Sonne wieder voll durch und rötet mir die Arme. Bei einer zweiten Kanne Tee packe ich mein Tagebuch aus. Flink flutscht der Kugelschreiber übers Papier und ich mache meine täglichen Notizen.

Auf der Straße nach Kilorglin und darüber hinaus inspiziere ich einige der häßlichsten Campingplätze meiner Zelter-Laufbahn: Riesige, meist räderlose Wohncontainer in Reih' und Glied, umfaßt von millimeterfein geschnittenem Rasen, kaum Bäume oder Sträucher,  Legoland für Debile!

Auf die verhaltene Frage nach den Übernachtungskosten nennt mir der Platzwart unbewegten Gesichts die stolze Summe von 8 Pfund 50; auf dem nächsten Plastikplatz,  hier wird die Landschaft terrassenförmig verschandelt,  will man mich erst auf die Toilette lassen, wenn ich zuvor einchecke! Ich fliehe aufs Neue, wenig Hoffnung mit mir nehmend, heute noch einen akzeptablen Zeltplatz zu finden. Plötzlich entdecke ich rechts unten eine Bucht mit einer kleinen Mole und hätte beinahe den Hinweis zu einem Campingplatz übersehen. Zögerlich windet sich die kleine Straße zum Strand, unten ein paar Häuser und ein nett hergerichteter Campground, der leider erst in ein paar Tagen die Saison eröffnet.

Dennoch erkundige ich mich in einem nahegelegenen B&B nach Alternativen und für 3 Pfund (!) darf ich meine Hundehütte auf der Wiese, die direkt vor dem Sandstrand liegt, aufbauen. Unverbaubarer Blick auf die Dingle-Bay! Na also, klappt doch - wenn man nur Geduld hat.

Was für ein Abend! Was für ein Licht! Dingle betrachtet sich wie durch den Weichzeichner gesehen, das Meer in der Bay ist mit einem Hauch Zuckerwatte überzogen; längst haben die Wellen ihre Konturen verloren. Es ist nahezu Mitternacht als die Strahlen der längst versunkenen Sonne aufgeben, an den hingetuschten Wolkenschlieren zu lecken. Ich kann mich nicht satt sehen und nur die Müdigkeit zwingt mich in den Schlafsack. Bei leiser Musik aus dem Radio, begleitet vom Rauschen der einsetzenden Flut, dämmere ich weg.

 

 

Freitag, 23. Mai: The Ring of Kerry 

Wie der Seewind an Zelt und Plane zerrt! Immer wieder werde ich wach, mit dem Gefühl, draußen sei irgendwer und begehre Einlaß.

Das Licht des Vormittags erhellt den Innenraum der Hundehütte und als ich die Reisverschlüsse öffne, weht mir eine steife Brise entgegen. Der Himmel ist bedeckt, die Sonne dahinter kaum zu ahnen.

Raus aus dem Schlafsack, rein in die Badehose und das kurze Stück über den Strand ins Wasser gerannt. Es ist ziemlich kalt,  vom angeblich warmen Golfstrom keine Spur. Nach einer langen Minute bin ich wieder draußen, wasche mich am Waschbecken der öffentlichen Toilette so gut es geht, frühstücke. Nach der dritten Zigarette entscheide ich mich für einen Spaziergang entlang der Klippen westlich der Bucht - zu groß ist die Aussicht bei einer Tour in die Regenkombi zu müssen, was ich nicht nur heute nicht will..

Der Fahrweg der vom Hafen fortführt, steigt stetig an. In großzügigen Abständen stehen Häuser; dazwischen das unregelmäßige Gebilde aus Zäunen und niederen Steinmauern. Einen Weg zum Ufer suche ich vergeblich. Ein weißer Hund, dessen hervorstechendes Merkmal ein schwarzes Ohr ist, folgt mir und setzt alle paar Meter seine Marke. Wohl eher aus repräsentativen Gründen, denn aus der Dringlichkeit des Harnlassens: Aus dem kleinen Hundebläschen kommt schon lange keine Flüssigkeit mehr,  ausgepowert!

Die hinter den Zäunen allgegenwärtigen Schafe merken auf, wenn ich mich nähere,  insbesondere die Lämmer hoppeln demonstrativ davon, den Schutz bei der Mutter suchend. Nach einer Stunde gehen endet der Weg an einem der üblichen Eisengatter, das zunächst den Weg versperrt und nur noch Räderspuren führen zwischen die Berge am Horizont,  ich kehre um, während die Töle grußlos weiterstreunt.

Das "B&B"-Guesthouse, das mir den Zeltplatz vermietete, bietet auch warmes Essen zur Lunch-Time. Ich nehme eine Suppe und Fish-Fingers mit Chips und eine Kanne Tee. Draußen pfeift der Wind und treibt träge Wolkenmassen nach Osten. Im Freien ist es ungemütlich und ich krieche ins Zelt für ein Mittagsschläfchen.

Gegen 17 Uhr erwache ich, der Wind hat sich etwas gelegt und so entschließe ich mich doch noch zu einer kleinen Ausfahrt. Ein kurzer Trip über Valentia-Island, gekrönt von einer zehnminütigen Überfahrt mit einer kleinen Autofähre,  für ganze 3Pfund. "Donít pay the Ferryman" ließ sich leider nicht machen und am Ende lande ich in einem Pub in Cahersiveen um drei weitere Pfund in Guinness zu investieren, obwohl mir der Barkeeper rät, auch mal ein Murphy's zu probieren.

Im Windschatten meiner Poncho-Plane koche ich mir ein Abendbrot mit Blick auf die grau in grau verhangene Dinglebay. Keinerlei Andeutungen mehr vom faszinierenden Licht des vergangenen Abends,  aber morgen kommt wieder ein Tag und ein Abend,  mal sehen wie es kommt. Ich mache alles dicht, so gut es geht,  dem balgenden Wind ist das egal.

 

 

Samstag, 24. Mai: Ring of Kerry Part II

Strahlender Sonnenschein blendet mich, als ich den Kopf aus dem Zelt strecke: Wenig Wolken am Himmel, kaum noch Wind. Also kurzes Frühstück, in die Lederkleidung und ab auf den "Ring".

Es herrscht starker Ausflugsverkehr. Auffallend die großen Reisebusse, die die engen Serpentinen entlang wanken, gefüllt mit Rentnern und anderen Ausflüglern. Überholmanöver wage ich hier nur an äußerst übersichtlichen Stellen.

Bei Waterville öffnet sich die Landschaft zu einer großen Bucht mit weißen, weich anmutenden Sandstränden. Oben, auf dem Paß, über den die schmale Küstenstraße führt, muß man nicht nur auf Schafe, sondern auch auf Weißhaarige achtgeben. Vorsichtig achte ich in den folgenden Kehren auf beide. Ich prüfe ein paar Campingplätze ab, die hier in der Tat sehr schön gelegen sind und angenehm überraschend nur wenig plastikverschandelt. In einem kleinen Ort entdecke ich einen Pub, wo man draußen sitzen kann. Bei Tee und Sandwich komme ich ins Schreiben, durch die umgekehrt aufgezogene Sturmhaube vor den heftigen Sonnenstrahlen geschützt.

Alsbald sitzen zwei amerikanische Ladies,  Mutter und Tochter - mit an meinem Tisch. Die Tochter beginnt ebenfalls in ihr Tagebuch zu schreiben,  nebenbei liest sie derzeit McCourt's "Angelas Ashes", "Die Asche meiner Mutter", das Buch das ich mir vor der Reise verkniffen habe zu kaufen, weil die bei uns aufgelegte Ausgabe derzeit noch ca. DM 50,-- kostet.

Darüber kommen wir ins Gespräch und ich erfahre, daß die Frauen eine Reifenpanne an ihrem Mietwagen hatten und darauf warten, daß der Mechaniker in der Tankstelle nebenan seine lange Mittagspause beendet. Sie kommen eigentlich aus New York, leben aber schon viele Jahre in Kalifornien, wollen auch dort bleiben und überhaupt...

Bevor es zum Adressenaustausch kommt und eine badisch-kalifornische Geschichte beginnt, die an andrer Stelle geschrieben werden müßte, suche ich das Weite und verlasse,  jetzt wieder vom Fahrtwind gekühlt,  bei Sneem die Küstenstraße.

Kaum befahren schlängelt sich die Paßstraße in lasziven Windungen zwischen den steilen Hängen nach oben. In leichten Schwüngen tänzelt die Yamaha dem Gap zu. Einziger Störfaktor: die immer wieder am Straßenrand grasenden Schafe! Wozu sind eigentlich die Zäune da? Schmeckt das Grün am Fahrbahnrand besser? Oder ist das Schafleben aufregender, wenn man beim Nahen eines Fahrzeugs kopflos die Flucht ergreifen kann,  ausweglos die Situation jetzt, weil der Zaun den Rückweg versperrt,  um dann, in Todesverachtung, dem drohenden Unheil entgegenzurennen, um es dadurch hinter sich zu lassen?

Ich unterdrücke mit Macht den Tierschützer aufschreiend machenden Wunsch, mich einem auf der verbotenen Seite des Zauns befindlichen Tier im motorlosen Leerlauf zu nähern, um es mit einem leichten, schmerzlosen Kick meines linken Stiefels wieder auf die andere Seite zu befördern, wo es hingehört!

Als ich auf der Passhöhe anhalte, erschrecke ich natürlich wieder Lamm mit Mutter, aber nach dreieinhalb Metern rennen und blöken haben sich die Tiere wieder beruhigt und es herrscht vorläufig Stille.

Ein Biker aus Bielefeld auf einer großen Honda-Enduro stoppt neben mir und kippt seine Mühle auf den Seitenständer ab. Wir hocken uns ins Gras und tauschen unsere Begeisterung über die schöne Landschaft und die angenehmen Straßen aus. Klar, daß zu Hause ein Satz neuer Reifen fällig ist; sein Stollenprofil scheint mir allerdings in einem schlechteren Zustand als meine Straßenreifen - vielleicht reizen Irlands Straßen zum Enduro heizen?

Talwärts,  vorbei an einem verfallenen Friedhof, vor dessen Betreten wegen Einsturzgefahr ein Schild mich warnt,  fühle ich mich unmittelbar wie im Schwarzwald. Hoher, dichter Tannenbewuchs säumt die Straße, gibt erst nach Kilometern den Blick auf die Hänge frei, hinter denen sich am Horizont erneut das Wasser der Dinglebay ahnen läßt.

In Cahersiveen gehe ich wieder in den Pub von gestern, muß sofort aus dem mir hingehaltenen Pokal einer enthemmten Herrenriege einen Schluck Wiskhey trinken und teste das "Murphy's" vorsichtshalber doppelt - zwei Pints gewährleisten ein sichereres Urteil...

 

Sonntag, 25. Mai: Kells Bay - Ennis  

Schon wieder strahlender Sonnenschein! Ich lasse mir Zeit um ausgiebig zu frühstücken und ordentlich aufzupacken, nehme Abschied von meinem extravaganten Plätzchen.

Jetzt fahre ich den Ring gegen den Uhrzeigersinn - einen kurzen Augenblick verbotenerweise auf der rechten Straßenseite - zurück nach Killorglin. Dingle scheint zum Greifen nah, aber bis ich Inch hinter mir gelassen habe, vergeht über eine Stunde. Den riesigen Beach nach diesem Ort darf man mit Autos befahren und Badelustige tummeln sich im weitläufigen Gelb des Strandes.

Hinter Dingle-Town finde ich den Weg zum Conor-Paß. Beim Fotoblick zurück fällt mir eine riesige Steinsäule auf dem Hügel über der Stadt auf. Vielleicht auf einer anderen Reise einen näheren Blick wert? Beim Anfahren kippt mir die Maschine seitlich weg und fällt um. Das kostet mich die Spitze meines Bremsgriffs und zehn Minuten mit Flüchen gewürzte Maloche zum abpacken, aufbocken und alles wieder sicher befestigen.

Am Gap ist die Aussicht auf die Brandon Bay vollkommen. Die tümpelartigen Seen, die den Owenmore speisen blinken in der Senke. Tralee wäre sicher einen Aufenthalt wert - vielleicht ein andermal - aber ich suche die Straße nach Ennis. Who the fuck is Ennis summt es mir dem ähnlich lautenden Schlager vergleichbar durch den Kopf. Dabei handelt es sich dort um Alice,  aber das ist mir egal.

Sich ein bißchen verfahren macht nichts, die Straßen sind an diesem Sonntagnachmittag wie leer gefegt; an der Tankstelle kaufen sich Jugendliche Eis und Cola, während ich mein Visier vom Fliegendreck reinige. Ich verpasse Listowel, finde aber dann doch noch den Weg zur Fähre in Tarbert. Dort parken ein paar Motorräder vor der einzigen Kneipe an der Anlegestelle, die Gruppe sitzt in der Sonne und trinkt dies und das. Leider kann ich mich nicht hinzugesellen, denn mein Dampfer erscheint augenblicklich und bringt mich für schwache 4 Pfund in 25 Minuten über das Delta des Shannon-Rivers, vorbei an einer mächtigen Raffinerie, deren Tanks in der Sonne blitzen.

Irgendwann habe ich dann wieder die N68 unter mir und zügig erreiche ich Ennis. Die ersten schmucken Einfamilienhäuser auf der Einfallstraße machen einen gemütlichen Eindruck. Ich rolle mit Tempo 30 ins Zentrum.

Ennis isses! Die Straßen und Gassen sind erfüllt von Iren, die voll aus dem Pub kommen oder leer in denselben gehen. Die Stadt brummt: Aus jeder Kneipe dringt Live-Musik und johlendes Volk applaudiert ohne Unterlaß.

Nach diesem ersten Eindruck gerate ich erst recht in Verzückung, als ich im erst seit wenigen Tagen eröffneten "Clare-Hostel" ein Bett im 7-Personen-Zimmer erstehe, ganz alleine für mich. Für 10 Pfund die Nacht incl. Frühstück! Endlich mal wieder ausgiebig duschen, rasieren und in frische Kleidung schlüpfen.

Welcher Kneipe nun die Ehre geben? Überall Menschen mit Biergläsern in der Hand; manche tragen Musikinstrumente: Flöten, Fiedeln, Trommeln, Gitarren. Am Fuß der großen Säule hat sich Jungvolk versammelt, lacht, singt, improvisiert ein Ständchen.

Ich entscheide mich für das "The Square", weil dort gerade eine Blues-Band jammt und Alt und Jung und Kind und Kegel ungeachtet der lauten Musik schreiend Unterhaltung übt. Ein erstes Pint macht die Lautstärke erträglicher und ich beobachte, wie Dutzende und aberdutzende Gläser gefüllt über den Tresen wandern und von vielen Kehlen alsbald wieder geleert sind.

Nach einem kleinen Erholungsspaziergang lande ich dann im "The Knox", wo Türsteher darauf achten, daß nur Leute mit unauffälligem Verhalten und einschätzbarem Alkoholspiegel Zutritt finden. Drinnen spielt ein Duo traditionellen Irish-Folk; eine Sängerin mit engelsgleicher Stimme von einem Geiger begleitet, singt gegen den Lautstärkepegel des Stimmengewirrs an. Keiner scheint wirklich zuzuhören, alle Gäste sind lauthals in Gespräche vertieft, allenfalls um die erneute Füllung ihrer Gläser besorgt.

Nach einem letzten Guinness ziehe ich mich in meine 7-Betten-Suite zurück und hülle mich in meine Decke, die vermutlich noch nie von einem Gast zuvor benutzt wurde.

 

 

Montag, 26. Mai: Cliffs of Moher 

Es ist zum Luftsprünge machen! Nach einer ausgezeichneten Nacht in meinem erstmals beschlafenen Bett,  draußen blauer Himmel und Sonnenschein wie gehabt.

Der Frühstücksraum ist rustikal gemütlich, mit Sofas und Sitzkissen eingerichtet. Das Frühstück ist eher bescheiden: "Continental" angeblich; Toast, Butter, Cornflakes, Tee; ein Fingerhut Orangensaft. Ich leiste mir ein hühnereigroßes Croissant und fühle mich wohl.

Die Tagestour ist rasch geplant: Über Ennistymon zu den Cliffs und im Uhrzeigersinn über die Berge zurück nach Ennis.

In Ennistymon wird die berühmte Bäckerei schon am Ortseingang angekündigt,  man soll dort beim Frühstücken direkt in die Backstube gucken können. Tatsächlich sind es dann aber drei Bäckereien, unter denen ich nicht auf Anhieb die Gesuchte erkennen kann. Ungehalten verzichte ich auf eine nähere Untersuchung, beobachte lieber, eine Zigarette rauchend, die vor einem Pub in der Sonne stehenden Männer, die wohl über Sport und Politik oder ihre Frauen reden.

Die Cliffs sind noch lange nicht in Sicht, als ein Schild ankündigt, daß das Parken 1 Pfund kostet. Ich fürchte noch mehr Kosten und gleite an der Zufahrt vorbei: Das Licht fällt augenblicklich sowieso zu steil, was schlecht für das Fotografieren ist. An der Pier von Doolin lege ich mich ins Gras, strecke den freien Oberkörper in die Sonne und mache ein Schläfchen.

Die Reue kommt zu spät. Gerötet erwache ich und bedecke sofort meine Blöße. Dabei beobachte ich fasziniert, wie am Kai gegenüber aberdutzende Passagiere in einen Kahn mit großen Außenbordern drängen, um zu einem nicht viel größeren Kutter überzusetzen. Angeblich ist das die offizielle Fähre zu den Aran-Inseln. Die Manöver gelingen, die Transporter brausen erleichtert zur Anlegestelle zurück und bald hat der Dampfer den Anker eingeholt und der Ebbe folgend zieht er von dannen.

An der Straße zum Ort suche ich vorsichtshalber den Schutz eines Sonnenschirms, gönne mir aus medizinischen Gründen - Dermatologen sprechen dem Guinness angeblich einen neutralen PH-Wert und einen post-wirksamen Lichtschutzfaktor zu - schon zu so früher Stunde ein kühles Pint.

Beim zweiten Anlauf auf die Cliffs stelle ich fest, daß man die Parkgebühr erst bei der Ausfahrt bezahlen muß. Sonstige Eintritte werden nicht erhoben. Der Besucherstrom, aus Bussen und PKW gespien, fließt den Weg zum OíBrians Tower hoch,  vorbei an Flöte oder Harfe spielenden Straßenmusikern. In sicherem Abstand zu den senkrecht abfallenden Klippen verläuft eine niedrige Trennmauer; dahinter die ausgetretenen Pfade der Mutigen, deren Allerbeste bäuchlings an der Kante liegen und den direkten Blick in die Tiefe wagen. Ich beuge mein Haupt stehend über den Abgrund,  trete dann doch lieber einen halben Schritt zurück und lasse das Panorama auf mich wirken. Dunst steigt vom Meer auf und hüllt die mit nur einer dünnen Grasnarbe bedeckten Felsen in trügerische Harmlosigkeit. Verspielt lassen sich Möwen von der Thermik an den Steilwänden entlang gleiten. Die Brutkolonien sind hier sicher vor menschlichen und anderen Gefahren.

An der Kante schläft auf dem Bauch liegend, den Kopf auf den Armen ruhend, ein junger Mann. Einer seiner Begleiter sitzt neben ihm und liest ungeachtet des vor ihm gähnenden Abgrunds, in einem Buch. Vom Dritten im Bunde erschallt plötzlich ein lauter Ruf an den Schlafenden, er möge aufwachen. Unvermittelt schreckt der Schläfer hoch, starrt einen Augenblick jäh in die Tiefe unter sich und robbt in Nanosekundengeschwindigkeit in sicheren Abstand von der Kante weg,  sich augenblicklich des Lebens wieder freuend.

Den Abgrund hinter mir lassend fahre ich dem Parkwächter entgegen, 1 Pfund in der Hand. Der grinst mich freundlich an, guckt neugierig auf die 900er und will kein Geld: "Motorbikes donít pay", sagt er und winkt mir nach. Vor mich hin summend kurve ich über ein kleines Gebirge nach Ennis zurück.

Mein Zimmer gehört mir immer noch alleine- um so ausgiebiger nutze ich die Dusche, lasse mir Zeit beim Anziehen. Durch die Gassen schlendernd lande ich wieder im "Knox", das eigentlich "Alexander Knox & Co." heißt und zu einem der 100 besten Pubs in Irland zählt. Wohl bekommt, das Guinness dort, zumal die zwei New Yorker neben mir genau so blutige Touristen sind wie ich.

 

  

Dienstag, 26. Mai: Ennis - Castlebar  

Die Straße ist großzügig ausgebaut, mit einem breiten Randstreifen, von den LKW brav genutzt. Die Kuh, die vergeblich einen Zebrastreifen sucht, ist unterwegs vom Stall zur Weide - oder umgekehrt. Ich bremse auch für Tiere!.

In Galway finde ich die Tourist-Information auf Anhieb, erstehe einen kleinen Stadtplan, einen Hostel-Führer von Irland und zwölf Postkarten. Abseits der Highstreet finde ich in ein kleines Straßencafé; an der Ecke spielt einer jazzige Stücke auf einem dudelsackartigen Instrument. Hin und wieder fällt eine Münze in seinen Instrumentenkoffer, auch eine von mir.

Bei einer Kanne Tee verbringe ich zwei Stunden mit Postkarten schreiben. Um 14 Uhr bittet mich die Bedienung mit zerknirschter Mine, ich möge doch jetzt einen Lunch bestellen,  oder meinen Platz räumen, damit andere Gäste Umsatz bringen können. Ich weiche, suche stadtauswärts fahrend nach Lynchís Tower. Dieser Bürgermeister von Galway henkte einst den eigenen Sohn, nachdem dieser aus Eifersucht einen Spanier gemeuchelt hatte und zur Urteilsvollstreckung kein amtlicher Henker zur Verfügung stand. Die Bürger Galways sind angeblich stolz darauf, die englische Sprache um ein neues Wort erweitert zu haben.

Connemara erreiche ich über Maams Cross, von wo aus ich den Lough Corrib rechts in der Ferne blinken sehe. Die Straßen sind jetzt wieder enger und zwingen die PKW in den Kurven zu langsamerer Fahrt - ich kann sie alle überholen, schalte dabei fröhlich rauf und runter, gebe angemessen Gas und lasse sie hinter mir. Das Bergmassiv der Twelve Pins wirkt kahl wie Mönchsköpfe, auf deren Tonsuren sich die Sonne spiegelt. In Clifden wähle ich die "Lower Sky Road" mit Blicken auf die lagunenartigen Buchten, die sich bei Ebbe in Schlick zeigen. Die "Road" ist hier eher ein Feldweg mit Schlaglöchern, zerfurcht und mit grobem Geröll übersät, kaum daß es gelingt, mal im dritten Gang zu fahren.

Später bin ich wieder auf der Fernstraße nach Sligo. Als ich mir bei einer Rast an einem See, an dessen gegenüberliegenden Ufer ein mächtiges Kloster ruht, ein Stück Apfelkuchen bestelle, hält neben mir der Bielefelder mit der Enduro: Irland ist ein Dorf! Wir plaudern ein Weilchen über Rollsplitt und weichen Asphalt und Techniken, wie man ein voll bepacktes Motorrad auf den Hauptständer bekommt - dabei betrachten wir unsere Böcke, die, elegant wirkend, auf ihren Seitenständern ruhen

Dann fahre ich weiter, lasse Westport hinter mir, will heute noch Strecke machen auf dem Weg nach Nordirland. Die sinkende Sonne gibt noch ordentlich Licht von hinten, nur in stark gewinkelten Kurven schieben sich ein paar blendende Strahlen durch das geöffnete Visier. Dankbar bin ich jetzt auch um die Sturmhaube, die verhindert, daß die unzähligen kleinen Mücken Zugang in meine Gehörgänge finden. Die, die auf meiner Sonnenbrille enden, würdige ich keines Blickes.

Mein Hostel-Führer empfiehlt das "Hughes House" in Castlebar. Zwei blutjunge Rothaarige weisen mir einen Raum für fünf Personen mit weiß lackierten Betten Marke "Hospiz". Aus dem Fenster fällt mein Blick auf ein Wellblechdach, das im Lauf der Zeit eine schillernde Patina angesetzt hat. Als besonderer Service wird mir gestattet, mein Motorrad im nicht viel breiteren Lichthof unterzustellen. Ich schiebe es vorsichtig an der Pforte vorbei, durch zwei schmale Türöffnungen, die das Einklappen der Spiegel erforderlich machen.

Beim Spaziergang durch die Stadt fällt mir auf, wie sich Massen von leeren Bierfässern vor den Kneipenfassaden stapeln. Morgen kommt wohl der Guinness-Transporter um für das Überleben zu sorgen. Wirtschaften sind ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor in Irland und Guinness scheint "good for all": Für den Konsumenten an sich, für die Brauerei, versteht sich, für den Finanzminister und für das Transportwesen!

Castlebar lebt vom spröden Charme seiner Hauptstraße, in der es wirklich alles gibt: Das Ticket für das Bob Dylan Konzert in Cork, "Angelas Ashes" als Taschenbuch und ein Chinarestaurant mit mehr Take Away-Kunden als verweilenden Gästen,  so wie ich.

Nach Suppe und Hühnchen wirkt der Ort im Dunkel der Nacht wie ausgestorben. Keine einladende Musik, kein Stimmengemurmel oder schallendes Gelächter aus den Pubs. Ein paar Jugendliche drücken sich gelangweilt auf einer Brücke herum. Mit der derzeit Besten hinten drauf knattert einer auf seinem frisierten Moped davon, von den anderen mit anerkennenden Blicken verfolgt. In der Telefonzelle ein junger Soldat aus der naheliegenden Kaserne; das Barett keck in den Nacken geschoben telefoniert er vielleicht mit der Allerliebsten, die irgendwo, am anderen Ende der Insel, darauf wartet, daß er endlich wieder nach Hause kommt. In "Murphy's" Pub läuft leise Musik und die wenigen Gäste stört es nicht, daß ich beim Trinken schreibe...

 

 

Mittwoch, 27. Mai: Castlebar - Bushmills  

Die Mühle muß ich gezwungenermaßen natürlich rückwärts auf die Straße bugsieren, wenden im Hof ist unmöglich. Keiner hilft mir dabei; lediglich eine der blassen Rothaarigen hält die Tür auf und sieht wortlos zu, wie ich den schweren Bock Stück für Stück nach hinten rucke. Auch die andere ist beim servieren des Frühstücks nicht besonders gesprächig und so bin ich froh, nachdem ich noch schnell heißes Wasser in die Thermoskanne gefüllt habe, endlich den Motor anlassen zu können.

Helm auf, Handschuhe an und ab auf die Straße nach Nordosten. An Sligo vorbei stelle ich plötzlich fest: Erstens sehe ich über eine weite Strecke nur ein einziges Schaf. Zweitens sind die Fahrbahnbeläge schlagartig besser geworden und in den Kurven sauber abgesenkt. Die Yamaha flutscht hurtig voran. Fast scheint es mir, als seien die Lebensadern Irlands eher in den Ost-West-Verbindungen zu finden,  vielleicht, weil die meisten Wege nach Belfast oder Dublin führen?

Es war wohl in Belcoo, als mich mitten im Ort ein Polizist stoppt. Keiner Schuld bewußt, gebe ich ihm ein strahlendes Lächeln und warte gespannt auf sein Begehr. Zielgerichtet fragt er nach meinem Namen - ich nenne meinen Vornamen - und nach meiner Nationalität. Ich flöte fröhlich: Germany und bin gespannt, was jetzt noch kommt. Aber das genügt ihm offensichtlich; er wünscht mir angenehme Reise und vorsichtshalber lasse ich den Ort in vorschriftsmäßiger Geschwindigkeit hinter mir. Erst später wird mir bewußt, daß ich ja eben die Grenze zu Nordirland überschritten habe und davon keinerlei Notiz genommen; ein Blick auf die Karte hätte genügt...

Bei Enniskillen verfahre ich mich mal wieder ein wenig, lande in Kesh. Über eine sinuswellenartige Straße - Kuppe-Senke-Kuppe - führt der Weg zu einem Stonecircle mit "Assignment". Das Rauf und Runter macht mächtig Spaß; beim Hochziehen über die Kuppen macht die XJ geile Luftsprünge und ich kriege einen Jet-Flash oder wie auch immer man dieses Gefühl beschreiben könnte.

Die Anlage ist sauber eingezäunt, zum Schutz vor Kühen, und scheint erst kürzlich restauriert worden zu sein. 36 Steine, zwischen 3o cm und einem Meter hoch, bilden den Kreis. Außerhalb, den Kreis tangierend, reihen sich nochmals etliche Brocken in Nord-Süd-Richtung aneinander. Das Ganze wirkt eher wie ein japanischer Steingarten, zumal das ganze Areal mit grobem Schotter ausgefüllt ist. Abgesehen von einer kleinen, grasbewachsenen Insel, die konzentrisch zum Mittelpunkt zum Verweilen einlädt, bietet der Ort wenig Atmosphäre. Dennoch nehme ich Platz; die Lederjacke unter den gekreuzten Beinen ausgebreitet, entspanne ich mich und versuche die Schwingungen dieser Stätte zu erspüren. In der Ferne grasen Kühe unter wolkenlosem Sommerhimmel und irgendwo knattert,  unvermeidlich,  ein Rasenmäher.

Im Kreis arrangiere ich dann mit den größeren Schottersteinen einen Mittelpunkt und lasse darunter die abgebrochene Spitze meines Bremsgriffs zurück. Einer muß schließlich einmal damit beginnen, die Magie des Kreises zu wecken...

Von Cookstown nach Colemaine ist es nun nicht mehr weit und nach einem Nickerchen im Schatten eines alten Schuppens, abseits der Mainroad, bin ich unversehens an der Küste Atrims angekommen. Der Verkehr hat sich zur Rush Hour hin verdichtet. An den Roundabouts kommt er ins Stocken. Dem Wetter kann ich augenblicklich auch nicht viel abgewinnen; die Landschaft wirkt wie in Dunst gehüllt, vernebelt der Blick auf das bleierne Meer. Teilnahmslos spule ich ein Stück Autobahn ab, bin froh dann wieder Landstraße zu pflügen, unbeachtet vom Vieh auf den Weiden.

In Bushmills fahre ich zu allererst zur Destillerie. Natürlich ist es für heute zu spät für eine Besichtigung; auch für den "Giantís Causeway" reicht die Zeit nicht mehr. An der Tankstelle reicht mir die Kassiererin eine Broschüre des neuen Hostels an der White Park Bay, gleich neben dem "Causeway". Für 10 (britische) Pfund checke ich ein, investiere noch jeweils zwei weitere in ein Frühstück und in Waschpulver plus Waschmünze.

Die Atmosphäre im Hostel ist etwas steif, halt irgendwie britisch,  bin ich doch in Nordirland! Die Gäste haben sich allenthalben in der Gemeinschaftsküche ein Abendessen zubereitet oder sitzen züchtig in der Lounge. Für Raucher steht eine kleine Terrasse zur Verfügung; verschämt paffen wir zu Dritt, werfen die Kippen ordentlich in den mit Sand gefüllten Eimer.

Wie befürchtet, gibt es in diesem wunderschönen, über einer sandigen Bucht gelegenen Übernachtungsheim kein Guinness. Der nächste Pub ist drei Kilometer entfernt, in Ballyntoy. Auf der Flucht dorthin begleitet mich ein aufregender Sonnenuntergang, ein paar Fohlen hinter einer Koppel bilden die Silhouette für ein romantisches Pferdekalenderfoto.

Im Pub sitzen nur ein paar Männer am Tresen. Im TV sehe ich gerade noch, daß Dortmund gegen Turin gewonnen hat und damit Europapokal-Sieger wurde. Die Jungs an der Bar unterhalten sich fachmännisch über deutschen Fußball und welcher Spieler wohl bald in einen italienischen Klub wechseln wird. Als mich einer anspricht, ist natürlich sofort klar, daß ich nichts von Fußball verstehe, obwohl ich Deutscher bin. Meine Nachbar heißt Paul und hat schon oft als Handwerker in Deutschland gearbeitet,  schließlich muß er Frau und drei Kinder ernähren. Er schwärmt für deutschen Gerstensaft und wir spielen Biermarken aufzählen. Bei einem von ihm spendierten Pint rauchen wir zwei der von mir gezückten Zigarren. Er gibt mir den Tip, in Dublins Vorort Swords in ein Hostel zu gehen, das sei sicherer, weil ich dort mein Motorrad abstellen und dann mit dem Bus in die City fahren könne - direkt nach "Temple Bar", wo die besten Pubs seien.

Rechtzeitig vor Torschluß bin ich pünktlich um 23 Uhr wieder im Hostel. Meine Wäsche ist schon trocken und beim Zusammenlegen beobachten mich die zwei jungen Australier, die mit mir das Zimmer teilen. Sie sind für 7 Monate in Europa unterwegs und scheinen keinen besonders aufregenden Tag hinter sich zu haben. Ich warne sie noch vor meinem Schnarchen und habe dann nichts weiteres mehr zu sagen.

  

Donnerstag, 28. Mai: Bushmills - Dublin  

Beim Giant Causeway kostet das Parken dieses Mal tatsächlich 1 (britisches) Pfund und zwar im voraus. Mit dem Parkwächter scherze ich über das ungewöhnlich warme Wetter und bitte ihn, seinen Blick hin und wieder über mein schönes Bike schweifen zu lassen.

Das neu gebaute Visitor-Centre ist die Schleuse zu des Riesen Pfad. Der Sage nach hat der Riese Finn MacCool sich unsterblich in ein schönes junges Mädchen verliebt und diesen gebaut, um trockenen Fußes zur Insel, auf der die Geliebte lebte, zu kommen. Nach moderner Auffassung sind es ca. 60 Millionen Jahre alte sechseckige Basaltsäulen, die aneinander gereiht aus dem Meer ragen und die diesen Teil der Steilküste zur Attraktion machen. Eine Leuchttafel klärt mich darüber auf, daß diese Landschaft zu den schützenswerten Kulturgütern der UNO zählt. Der Weg zu dem unterhalb der Klippen liegenden Naturwunder ist gut geteert und kann auch mit einem Shuttle-Bus bewältigt werden. Erbarmungslos brennt die heiße Nordirlandsonne auf mich nieder, und obwohl der Weg nicht weit ist, heizt sich meine Lederkleidung binnen kürzester Zeit auf. Zu allem Verdruß habe ich auch noch vergessen, einen neuen Film mitzunehmen. Die Fotoausbeute wird wohl gigantisch sein...

Die Basaltstücke sind elephantenfußbreit und bilden einen kleinen Hügel, der,  ganz Treppe,  bequem zu ersteigen ist. Insgesamt wirkt das Szenario eher klein und überschaubar. Überall tummeln sich Touristen, stellen sich immer wieder vor die Kamera. So wähle ich meine Fotomotive äußerst sorgfältig und kehre mit leerer Kamera zu meinem Filmvorrat im Tankrucksack zurück.

Ein Blick auf die Uhr belehrt mich, daß es gleich Mittag ist und ich eile zur Destillerie von Bushmills. Gerade schaffe ich es noch, mich einer geführten Gruppe anzuschließen, die aufmerksam den erklärenden Worten der Firmen-Hostess lauscht. Von der Maische über den Sudkessel bis zur Destillation,  in Irland wird der Whiskey dreimal gebrannt,  erfahre ich alles über seine Herstellung. Selbst die Fässer werden mehrmals verwendet, was dem irischen Stoff seine unverwechselbare Farbe geben soll. Ein Single Malt zuletzt,  im Eintrittspreis mit inbegriffen,  krönt den Besuch der ältesten Destillerie der Welt.

Im Schatten des Pförtnerhäuschens,  der gute Mann darin hat beim Öffnen und Schließen des Tores ebenfalls ein Auge auf meinen fahrbaren Untersatz gehabt,  plane ich die weitere Route nach Dublin. Auf der Karte wirken die Entfernungen respekteinflößend,  in Wirklichkeit geht es quick über Ballymena und Antrim, Belfast links liegen lassend, nach Craigavon.

Heute bin ich froh darüber, daß zwischendurch einige Stücke Autobahn beim Strecke machen helfen. An einer Bushaltestelle rauche ich eine Zigarette, sehe von hier aus nur wenig vom riesigen Lough Neagh. Ich eile weiter nach Newry.

Die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland, die ich gestern nicht bemerkt hatte, wird auch hier nur deutlich durch einen Engpaß auf der Schnellstraße, an dem mit gesenkter Maschinenpistole Militärs den langsam vorbei fließenden Verkehr beargwöhnen. Ich fahre unbehelligt weiter, erkenne an den allgegenwärtigen Wahlplakaten, daß ich wieder im "richtigen" Irland bin,  irgendwie atme ich auf.

Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung bis Dublin. In Swords finde das Hostel auf Anhieb. Pauls Kontaktmann, dem der Laden angeblich gehört, ist nicht da. "Sorry", sagt eine Frau, die hier arbeitet, "wir sind komplett". Auch eine Patrouille durch den Ort nützt nichts - kein Bett mehr frei in Swords Hostels. So entschließe ich mich trotzig, jetzt noch nach Dublin zu fahren, obwohl die heranschleichende Nacht mit dem Feierabendverkehr eine unerquickliche Liaison eingeht. Schließlich bin ich in diesem Urlaub Motorradfahrer, verzichte daher gern auf die vermeintliche Bequemlichkeit eines öffentlichen Busses. Mitten rein also,  mal sehen, was "Bale Átha Cliath" zu bieten hat.

Und ich habe wieder unverschämtes Glück! Nach ein paar konzentrischen Runden über die Brücken des Liffey-Rivers finde ich das "Brewery-Hostel" in der Thomas Street, keine hundert Meter neben der Welt größter Brauerei, "Arthur Guinness & Co." Ein Bett für 10 Pfund im 10-Bett-Zimmer, einen sicheren Abstellplatz im Hof hinterm Haus und die Auskunft, daß keine zehn Minuten zu Fuß das Pub- und Musikkneipen-Viertel "Temple Bar" zu erreichen ist.

Was für ein Tag! Morgens noch die älteste Destillerie der Welt besucht und abends ein Bett neben der Welt größter Brauerei gefunden. Der abendliche Spaziergang durch Dublins Mittelpunkt läßt mich ahnen, daß es mit den Superlativen noch lange kein Ende hat...


 

Freitag, 29.Mai: In Dublin - Guinness und Geschichte


Dublin ist wie Durlach. Dem Namen nach jedenfalls, der so viel bedeutet wie: Durch den Sumpf, durch die Lache. Als die Stadt südlich des Liffey-Rivers im 8. Jahrhundert n. Chr. gegründet wurde, floß neben dem Castle ein Nebenfluß des Liffey, der alsbald versandete und zur Kloake verkam. Auf Beschluß der Stadtväter wurde er dann endgültig zugeschüttet. Um von der Küste her in die Stadt zu gelangen mußte man dann durch feuchtes Gelände,  so auch in Durlach.

Aber damit hat es sich schon mit den Gemeinsamkeiten, denn im Gegensatz zu Durlach befindet sich in Dublin die, wie gesagt, größte Brauerei der Welt; in Durlach hingegen gar keine mehr. Der Rundgang durch den Hopstore, dem ehemaligen Hopfenlager der Guinness-Brauerei, ist gut organisiert. Nach einer einführenden Multimedia-Show sind Werkstücke aus der traditionellen Bierproduktion zu sehen; ein halbierter Sudkessel, riesige Schaufel- und Schneckenräder, die die wesentlichen Bierzutaten den Maischbottichen zuführten. Ein Videofilm zeigt, mit welcher Präzision noch bis in die 50er Jahre Bierfässer aus Holz hergestellt wurden; harte Handarbeit an langen Arbeitstagen. Das Pint im brauereieigenen Pub schmeckt danach um so besser, zumal es im Eintrittspreis inbegriffen ist.

Leicht beschwingt wandere ich am späten Vormittag runter zur OíConnel-Street, lasse mich durch die Fußgängerzone treiben. In der Abbey Street grüßt mich James Joyce als Bronzestatue, daneben ein Altfreak mit seinem Bücherstand im Selbstverlag. Über die große Brücke zurück gelange ich zum Trinity College, der von den Briten gegründeten Universität. Auf der Wiese hinter der alten Bibliothek, sozusagen neben dem "Book of Kells", lagern die Studenten in der Sonne, genießen die wärmenden Strahlen zwischen den Vorlesungen oder nur so. Ich setze mich dazwischen, schreibe ein wenig ins Tagebuch.

Um drei Uhr schließe ich mich einem geführten Spaziergang durch das historische Dublin an. Der Guide ist studierter Geschichtswissenschaftler und erklärt in überraschend verständlichem Englisch Geschichte und Politik Irlands. Innerhalb von 3 Stunden erhalte ich einen komplexen, nahezu kompletten Überblick über die Hintergründe von Religion, Kolonisation durch die Briten, Befreiungskämpfe und der aktuellen Situation in Nordirland. Der Weg führt zunächst vom College zum Alten Parlament, wo heute noch die nach außen zeigenden Kanonen davon künden, daß sich diese britisch dominierte Volksvertretung einst gegen das Volk verteidigen wollte, das draußen massenhaft den Zutritt forderte. Hat aber nichts genutzt, denn draußen waren viele und drinnen wenige.

Die Unterdrückung der katholischen Majorität Irlands zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Erst 1921 gelang es den Iren sich von der englischen Vorherrschaft zu befreien.

Nordirland wird mehrheitlich von im Laufe der Jahrhunderte eingewanderten Protestanten bewohnt, eine letzte Bastion der Briten auf der grünen Insel. "But Times are changing now" meint unser Dozent. Er sieht positiv in die Zukunft, zumal in Großbritannien Labour wieder an die Macht gekommen ist.

Hinter der „Christ-Church“, mit Blick auf „Four Courts“, dem nationalen Gerichtsgebäude, das eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Republik spielte, endet die Tour. Ich bleibe zurück, sinniere über das zuvor Gehörte und lasse mich von der Abendsonne bestrahlen. Mein anschließender Spaziergang führt mich in die Capel-Street, wo im „Slatterly" heute abend Tom-Waits-Musik gespielt werden soll. Stimmt leider nicht, da die Band zur Zeit gar nicht in der Stadt wäre. Also Pech gehabt. Zurück in „Temple Bar schlendere ich ziellos durch die Gassen, setze mich auf die Treppenstufen gegenüber "Quai's" Bar und beobachte das quirlige Treiben der erlebnishungrigen Passanten. Aus den Kneipen dröhnt Musik und Stimmengewirr. Plaudernd und gestikulierend eilen die Nachtschwärmer von da nach dort. In kleinen Pulks gut aufgelegte Herren, die Hemden locker über dem Hosenbund getragen; plaudernde Ladies, reizvoll gestylt und großstadtfiebernd; Biergläser schwenkende Schotten im Rock und erwachsen wirken wollende Jugendliche, die an den Ausweise kontrollierenden Türstehern der Pubs scheitern.

Das Angebot an Kneipen, Restaurants und Theatern in diesem Viertel ist überwältigend. In der Dame-Street trinke ich ein Pint und entscheide mich gegen eines Besuch des nebenan befindlichen „Olympia“, wo heute um Mitternacht „Fish“, Ex-Marillion, spielen soll.
Der Eintrittspreis von elf Pfund wäre akzeptabel gewesen, aber ich bin zu müde, um mir jetzt noch was auf die Ohren geben zu lassen.

In der Lounge des Brewery-Hostels verfolge ich im TV noch für eine Weile ein indisches Liebesdrama. Oben im Schlafsaal sind die meisten Betten noch nicht belegt. Die Jungs, die mit mir das Zimmer teilen sind gerade aus New York angekommen und ziehen heute Nacht wohl den Barhocker dem Bett vor.

 

Samstag, 31. Mai: In Dublin

Was tut einer allein in einer großen Stadt? Er wandert umher, begierig Neues, Ungewöhnliches, Aufregendes zu entdecken. Nun stehen dem Unbedarften allerlei Möglichkeiten zur Verfügung: Er kann sich an vielen Stellen und aus Büchern, Zeitungen und im Internet(!) informieren über Museen und Galerien, Denkmäler und historische Stätten, Veranstaltungen und Amüsement.

Mit Kultur und Historie ist das halt so eine Sache, wenn man, so wie ich, ohne besondere Vorinformationen in ein anderes Land, eine andere Stadt kommt - ich weiß halt zu wenig und bin gerade jetzt nicht motiviert, das Versäumte nachzuholen. So halte ich mich lieber an die unverfänglichen, leicht zu konsumierenden Angebote, stürze mich in belebte Gassen, verharre und beobachte.

Die Fassaden der vielen im Georgianischen Stil gebauten Häuser sind überwiegend gut erhalten und meistens liebevoll restauriert.
Augenblicklich wird mir bewußt, welche architektonischen Schönheiten eine Stadt
bewahren kann, die keinen Bombenkrieg über sich ergehen lassen mußte und nur dem Verfall Einhalt zu gebieten hat. Häuser sind auch Ausdruck des Reichtums und der Kreativität ihrer Besitzer, Visitenkarte der Bürger einer Stadt.

Zur Mittagszeit bin ich wieder auf dem Campus. Die Sonne brennt mächtig, der Schatten der Bäume schützt. Ich wechsle vom Licht in den Schatten, von der Wärme in die Kühle und notiere die Eindrücke des gestrigen Tages.

Um mich herum das gleiche Bild wie tags zuvor:
Studenten und Touristen, kaum voneinander zu unterscheiden; am ehesten noch, wenn die Touristen, so wie ich gestern, als geführte Gruppen auffallen.

In der Fußgängerzone der Grafton Street tummeln sich die Dubliner beim Samstageinkauf. Fast-Food-Ketten und große Kaufhäuser in alten Prachtbauten beherrschen das Bild. Moderne Einkaufspassagen und kleine Läden in den Seitenstraßen ergänzen das Warenangebot. Überall haben die Cafés Tische und Stühle auf den breiten Trottoirs in die Sonne gerückt.

Gegenüber dem St. Patrick Park bestelle ich mir ein riesiges Sandwich und eine Kanne Tee. Die Pferdekutscher haben Tiere und Chaisen in den Schatten der Bäume gerückt -nicht für lange, denn das Fahrgeschäft läuft heute gut.

Im Park drinnen überall gepflegter Rasen. Die die meisten Menschen liegen in der Sonne, möglichst viel Haut ins Freie lassend, plaudernd, lesend oder einfach nur beschaulich. Hunde werden ordentlich an der Leine gehalten, Kinder hingegen immer wieder vor dem Absturz in irgendeinen Brunnen oder Bassin gerettet. Als ich meine letzten vier Postkarten geschrieben habe, erfahre ich in der Tourist-Information, daß das einzige, jetzt noch offene Postamt, das Briefmarken verkauft, in der O'Connell-Street ist, fast in Höhe der Pernell-Street. Also wandere ich dort hin.

Auf dem Rückweg kommt mir eine lange Prozession singender Christen entgegen, die Holzkreuze, wie zur Abwehr von Vampiren, vor sich her tragen. Vorbei an den Souvenir-Händlern auf der Brücke, deren Sinn eher nach Umsatz als nach Absolution zu stehen scheint, bin ich wieder auf der für mich interessanteren Seite des Liffeys.

Im Temple-Bar-Viertel setze ich mich gegenüber von "Quai's" an einen Tisch, trinke Tee und lese in "Angelas Ashes", das ich günstig als Taschenbuch-Ausgabe erstehen konnte. Es macht mir Spaß, in englisch zu lesen, auch wenn ich ein Drittel nicht verstehe, weil mein Wortschatz nicht ausreicht. Der Verkäufer des Teeladens blickt mir über die Schulter und lobt das Buch begeistert, sehr gut sei es und sehr "Irish".

Später setze ich mich wieder auf die Stufen, die von der Straße auf den kleinen Platz führen, beobachte die zum Abend hin sich verdichtende Masse der flanierenden Sommerfrischler. Herausgeputzt für einen vergnüglichen Abend drängen sie sich in die voller werdenden Pubs. Im Biergarten des "Quais" erlebe ich, wie am Stehtisch nebenan einer mit geschlossenen Augen seinen Begleitern irische Weisen singt; leise, aber inbrünstig und gefühlvoll. Ich lausche fasziniert, klatsche innerlich Applaus als er endet und bedanke mich bei ihm mit einem dankbaren Lächeln und einem anerkennenden Blick.

Die Schotten fallen hier durch Kleidung und Gebaren auf. Eine Gruppe ausgelassener Mädchen flirtet lauthals mit ihnen. Eine will es genau wissen, was der Schotte denn so unter dem Rock trägt oder nicht. Sie geht zu der Gruppe hin und formuliert ihr Bedürfnis lachend, aber klar und deutlich. Einer der Berockten erbarmt sich und schiebt ganz langsam den Kilt nach oben. Als sich die Neugierige bückt um einen kompletten Eindruck zu erhalten, weitet er den Rock für einen kurzen Augenblick und gewährt volle Einsicht. Und das hätte er nicht tun dürfen!

Sofort ist er von seinen Kumpanen umringt, wird festgehalten, ausgezogen, nackt mit einer stabilen Klarsichtfolie an einen Laternenmast gebunden und über und über mit -woher auch immer besorgtem -Rasierschaum eingeseift.

Jetzt können alle sehen, was er unter dem Rock trägt -was sich im übrigen auch sehen lassen konnte. Die sich sofort zusammenrottende Menge johlt und klatscht Beifall. Nach geraumer Zeit wird der Angeprangerte von der Folienfessel befreit, darf sich von seinem "Clan" umringt -geschützt vor den Blicken der Neugierigen -säubern und wieder anziehen.
Zuletzt steht er wieder lachend, ein gefülltes Bierglas in der Hand, unter seinen Landsleuten jetzt wieder ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft.

Plötzlich beherrschen Gaukler die Szene auf dem Platz. Mit Trillerpfeifen und lautem Geschrei heischen sie um Aufmerksamkeit. Bald umringt von interessiertem Publikum, lassen sie Keulen und Koffer fliegen, jonglieren mit allem, was ihnen in die Finger kommt. Brennende Fackeln sausen durch die Dämmerung, von geschickten Händen immer wieder auf den Weg gebracht.

An der Ecke gegenüber haben zwei Gitarristen  Beatles-Lieder angestimmt, animieren die Zuhörenden zum Mitsingen; wiederum begeistert beklatscht, lassen sich zum weitermachen anfeuern.

Ich versuche erneut mein Glück, die Tom-Waits-Band doch noch zu sehen. Im Magazin "In Dublin" steht, daß sie heute abend im "Gaiety-Theatre" spielen sollen. Auf dem Stadtplan scheint es nur ein kurzes Stück von Temple Bar bis dort hin. Gelassen schlendere ich durch das nächtliche Dublin -nicht ohne noch einen mir bis dahin unbekannten Pub zu besuchen.

Und ich habe Glück! Kurz nach Mitternacht betritt "Heavy Waits" die kleine Bühne im Foyer des 1. Stocks. Der mit roten Tapeten und Teppichen ausgestaltete Raum ist an den Wänden mit dunklem Holz getäfelt. Gegenüber der Bühne ist ein langer Tresen an dem ich einen Barhocker und ein Guinness finde. Die Musik groovt und bald bin auch ich unter den Tanzenden, schwitze die teuren Guinness ins frische Hemd.

Um drei Uhr kühle ich mich auf dem Heimweg zum Hostel wieder ab. Immer noch sind die Straßen belebt; dringt Musik und Gelächter aus den Kneipen -die berühmte closing-time um 23 Uhr scheint es in Dublin nicht zu geben...

 

Sonntag, 1. Juni: Dublin -Kilmore

Den Jungs und Mädels von der Crew des Brewery-Hostels schenke ich die Flasche
badischen Obstlers, den ich aus Durlach importiert hatte. Der Typ von der Nachtwache ist hin und weg und freut sich wie zu Christmas. Er bedankt sich tausend Mal und wünscht mir Glück auf der Weiterreise.

Der Thomas-Street folge ich einfach nach Süden, finde die Straße zum Sally Gap in den nördlichen Wicklow Mountains. Die Höhen wirken kahl, mit flachen Sträuchern bewachsen, die in der Sonne glänzen. Talwärts nach Laragh sehe ich einen langgezogenen Wasserfall, der die großen, flachen Felsen abwärts plätschert und sich als kräftiger Bach zwischen Wiesen weiterwindet. Es ist Sonntag und eine endlose Blechkarawane sucht nach Parkplätzen im beliebten Ausflugsort Gendalough.

Schnurstracks wende ich, folge dem Vale of Clara nach Rathdrum. Zwischen schattigen Bäumen am Ufer des Avonmore mache ich ein Picknick. Dabei folgt mein Blick dem träge dahin fließenden Wasser, auf dessen Oberfläche der Wind spielt und einen glauben macht, der Fluß fließe plötzlich in die andere Richtung.
Etwa hundert Meter flußabwärts (oder aufwärts?) feiern Jugendliche ein Angler-Picknick und feuern den gerade Angelnden an oder versuchen ihm die Fische
entgegenzuscheuchen. Müßiggänger der ich bin, trinke ich Tee und lese ein paar Seiten in "Angela's Ashes".
In Rathdrum staut sich der Verkehr wegen eines Straßenfestes. Ich sehe Pints und Publikum, zögere einen Augenblick zu lang und fahre dann doch weiter nach Arklow, von dem ich mir insgeheim mehr verspreche. Dort lädt gar nichts zum Verweilen ein und ich entschließe mich, weiter nach Rosslare zu fahren; ein paar Kilometer südlich davon weist der Hostel-Führer bei Kilmore Quay eine Übernachtungsgelegenheit aus.

Die N 11 ist in einem sehr guten Zustand, auch sind Sonntags wenig LKW unterwegs. Von Enniscorthy nehme ich kaum Notiz, will nicht zu spät mein Ziel erreichen.

Erst nach längerem Suchen finde ich das Kilturk-Hostel zwischen Kilmore und Kilmore Quai.
Der u-förmige Gebäudekomplex ist durch Anbau an ein altes Dorfschulhaus entstanden. Die freakige Atmosphäre erinnert mich augenblicklich an jene schrägen Guesthouses, wie man sie manchmal in Asien findet. Alles hier hat einen unnachahmlichen Touch lasziver Exotik. Im Rezeptionsflügel stehen alte Sessel und Stühle, Topfpflanzen an der verglasten Front zum begrünten Innenhof. An den Wänden abstrakte Gemälde; eine Uhr, auf der die Zeit stehen geblieben ist.

Im Obergeschoß des Querflügels betrete ich einen Schlafraum, der die ganze Grundfläche diese Trakts vereinnahmt: Unter einem hohen Dachfirst sehe ich in großzügigem Abstand angeordnete Betten, jedes individuell geformt und bezogen. Von Westen flutet Licht in den Raum; die Schatten des Gebälks zeichnen sich als graphische Muster auf der Stirnwand ab, verändern sich mit der wandernden Abendsonne.
Die Gemeinschaftsküche ist rustikal gezimmert. Auf der in der Mitte befestigten Arbeitsplatte steht ein Wasserkocher und liegen Teebeutel bereit; neben dem großen Eßtisch stehen bunte Tassen und Gläser in einem großen Regal. Drei Gasherde zwei Kühlschränke und zwei Spülbecken säumen die Wände, sind
offensichtlich schon lange und immer wieder im Gebrauch. Auf Anhieb fühle ich mich wohl, nehme vor mich hin pfeifend eine Dusche in dem jenseits jeglichen modernen Komforts befindlichen Sanitärtrakt.
Paul, heute Manager "auf Zeit", wie er erklärt, gibt mir bereitwillig Auskunft auf meine Fragen und empfiehlt mir ein gutes Fischrestaurant in Kilmore Quay.

Im "Wooden Mill" schlemme ich später ausgiebig und kehre spät mit zwei
Guinnessflaschen in die Küche des Kilturk-Hostels zurück. Dort sitzen Paul, seine Frau und ein befreundetes Paar. Bald sind wir in angeregter Unterhaltung über Gott und die Welt verstrickt; weit nach Mitternacht krieche ich in meinen Schlafsack, den ich bitter benötige, weil der Wind deutlich spürbar durch die frei Hand genagelten Holzwände pfeift.

 

Montag, 2. Juni: Kilmore Quay

Kilturk-Hostel.
Das Hostel gefällt mir immer besser.Mein Frühstück nehme ich im sonnenbeschienen Innenhof. Außer mir sind nur ein paar Gäste da, von denen heute vermutlich jemand abreist. Zwei junge Frauen aus Germany (Lehrerinnen?) verabschieden sich sehr knapp und steigen in einen R4-Kastenwagen. Verlassen diesen guten Platz für Ruhe und Entspannung.
Gleich nach dem Frühstück fahre ich nach Rosslare, um eine Passage direkt nach
Frankreich zu buchen. Ich erfahre, daß nächsten Donnerstag eine Fähre von Cork nach Rosscoff in der Bretagne abgeht und Freitag morgens dort anlegt -das reicht zeitlich, um samstags oder vielleicht schon Freitag Nacht wieder zu Hause zu sein. Ich buche einen Platz in einer Vier-Bett-Kabine für insgesamt 127 Pfund incl.
Motorradtransport.
Beschwingt kehre ich ins Hostel zurück und verlängere meinen Aufenthalt um weitere drei Nächte. Irgendwie fühle ich mich wie endlich angekommen; fast am Ende meiner Reise habe ich einen Platz gefunden, wie ich ihn insgeheim die ganze Zeit gesucht hatte.

Ich packe mir ein kleines Bündel und wandere vom Hostel weg, den Strand und das Meer suchend. Ich verlaufe mich zwischen den Gebäuden einer Schweinefarm; von den Hunden freundlich verbellt kehre ich zum Hauptweg zurück. Entlang der kleinen Straße, vorbei an weiteren Farmen und Häusern, geht es erst nach einiger Zeit rechts ab, zum Strand.

Der Wind, der nächtens schon am Haus gezerrt hatte bläst nun hemmungslos aus Nordost. Der Sand wird durch die Böen aufgeweht und nur hinter einem kleinen Vorsprung in der Uferböschung finde ich etwas Schutz. Am klaren Himmel brennt die
Sonne, deren Strahlenintensität durch den Wind verharmlost wird. Kilometerweit dehnt sich der Strand in beide Richtungen aus, kaum gesäumt von vereinzelt stehenden Häusern. Die groben Kiesel an der Wasserlinie werden von der auf ihrem Höchststand befindlichen Flut beleckt.

Vorsichtshalber creme ich mich mit Sonnenschutz ein. Minuten später besitze ich
eine feinsandige Hautoberfläche, mit der man Edelstahl schmirgeln könnte. Ich lese, die Sandkörner immer wieder zwischen den Blättern wegblasend, sehe den vereinzelt auftauchenden Spaziergängern nach. Etwas weiter entfernt planschen Kinder im flachen Wasser -eine beachtliche Leistung bei dieser Meerestemperatur -wie mir meine kurz benetzten Füße vermitteln. Bevor meine Haut sich durch die Sandpanade hindurch rötet, kleide ich mich wieder an und bin gut eine halbe
Stunde später wieder im Hostel.

Nach einer Antisand-Dusche ist Teatime mit "Angela". Zum Abend hin wirkt das Licht in den Räumen besonders hübsch. Ich inspiziere einige offene Zimmer, bin entzückt, mit welcher schlichten Eleganz die jeweilige Einrichtung jedem Raum eine phantasievolle Note gibt: Da ein altes Klavier, dort ein prähistorischer Kanonenofen; große Gemälde und überall strömt Licht durch die üppig verwendeten
Sprossenfenster.
Paul belädt sein Auto -bank holiday geht zu Ende und er und seine Frau müssen nach Dublin zurück. Er schenkt mir zwei große Dosen Heinecken und wir verabschieden uns.
Später, nach einem Nickerchen im natürlich belüfteten Dormitorium stehe ich ganz allein in der gemütlichen Küche und koche mir ein Pilzsuppenreisgericht. Die Stille ist wunderbar.

Der Tag weicht nur widerstrebend der nicht zu verhindernden Nacht. Aus meinem kleinen Radio kommt der Blues und ich sitze noch lange am Küchentisch, die Details des bunten Interieurs in mich aufnehmend.

Im Schlafsaal schnarchen zwei Frauen solidarisch um die Wette - ich klinke mich ein.

 

Dienstag, 3. Juni: Über "The Hook" nach Waterford

Ich habe nichts mehr zum frühstücken! Rasch eine frische Tasse Tee und ins Leder gestiegen.
Um 9 Uhr bin ich auf der kleinen Straße, die zum "Hook-Head" führen soll. Paul hatte sie mir auf der Karte gezeigt.
Hinter Wellington Bridge, bei Tintern, taucht die Silhouette einer alten Klosterruine auf. Die zerfallenen Mauern ragen wie Zahnstummel in den Morgenhimmel auf. Die Brücke die sich über den sich ins Meer ergießenden Bach spannt, ist noch komplett erhalten. Die Reliefs der Brüstung lassen ahnen, daß die Mönche vordem keine armen Leute waren. In dieser Gegend sind aber auch im 12. Jahrhundert die Normannen eingefallen -immer wieder tauchen Reste alter Türme abseits der Straße auf.
Hinter Churchtown, ganz am Ende der Halbinsel, steht wohl Europas ältester Leuchtturm - restauriert und mit moderner Technik ausgestattet. Schroff strecken sich die flachen Klippen zum Wasser hin. Der Wind stürmt immer noch beachtlich unter dem wolkenverhangenen Himmel. Vorsichtig überspringe ich ein paar Pfützen, die die Ebbe zurückgelassen hat, weiche glitschigen Stellen aus. Der Leuchtturm beeindruckt weniger wegen seiner Größe - vielmehr ist es der wuchtige Sockel mit den Anbauten, der ihn so erhaben macht.

Bei Arthurstown bringt mich eine Autofähre über die Bucht, in der der River Barrow mündet. In Waterford entschließe ich mich spontan, mein Motorrad von 4444 km Dreck zu befreien und nütze die Self-Service-Waschanlage an einer Tankstelle.

Blitzblank parkt die Mühle später vor dem Pub "The Temple Bar" in Waterford, dessen Name mich der Erinnerungen an Dublin wegen, dort einen Lunch nehmen läßt.
Nach dem Einkauf im Foodstore eines riesigen Kaufhauses mache ich mich auf den Heimweg.
Hinter New Ross bekomme ich tatsächlich nach über zwei Wochen ein paar Regentropfen auf den Helm.
In der Gemeinschaftsküche des Hostels treffe ich Räto, einen jungen Radfahrer aus der Schweiz, eben über Le Havre in Rosslare gelandet. Sein deutsch ist so schweizerisch wie man es sich nur vorstellen kann und wir verabreden uns - auch zu
Übungszwecken -englisch miteinander zu sprechen. Gemeinsam kochen wir uns ein
phantastisches Abendbrot und unterhalten uns angeregt. Später setze ich mich in die Lounge, dem hellsten Raum des Anwesens, aus dem das Licht am zögerlichsten weicht. Räto ist derweil schlafen gegangen, um den Seegang der Überfahrt auszupendeln. Ich setze mich in einen der gemütlichen Sessel, lese, trinke Bushmills und Guinness, bis ich das Rufen des Schlafsacks höre.

 

Mittwoch, 4. Juni: Pippi Langstrumpf's Villa Kunterbunt 

Es ist einfach zu schön hier! Hier hat man das Gefühl, lange bleiben zu können, ohne daß Langeweile aufkommt. Die Atmosphäre des "zu-Hause-seins" beeindruckt mich von Tag zu Tag mehr, dessen letzter für mich nun angebrochen ist.


Als Räto und ein Ehepaar aus Straßburg das Hostel verlassen haben, gehört es mir ganz allein. Nach dem Frühstück setze ich mich draußen an einen Tisch, lese, höre Musik und lasse mich von der Sonne röten. Die "Herbergsmutter" Jaquie läßt sich nur kurz blicken, räumt einige Dinge hin und her und läßt mich wissen, daß zweimal jährlich -im Frühjahr und im Herbst -Seminare und Workshops stattfinden. Eigentlich ist sie Hebamme und hat hier ein "Body, Heart and Soul Center" etabliert, wo Tanz, Yoga, Meditation und Massage erlernt und geübt werden kann. Sie verabschiedet sich mit dem Hinweis, am Nachmittag gegen 15 Uhr wieder aufzutauchen.

Kurz nach 14 Uhr erscheint Peter und wartet bis um Vier auf Jaquie -vergeblich. Wir unterhalten uns über diesen Ort, über Irland und das Leben ganz allgemein. Peter will am Wochenende hier die Aufgaben eines Nachtportiers übernehmen, wollte mit den Besitzern noch einige Modalitäten klären. Er empfiehlt mir, nach Tomhaggard zu fahren, einem Ort ganz in der Nähe, der Küste ostwärts folgend. Dort sei nicht nur ein reizvolles Vogelschutzgebiet, sondern auch ein bemerkenswerter Pub.

Vorbei an alten Wehrtürmen, von denen einer sogar bewohnt ist, tauchen immer wieder kleine verfallene Kirchtürme und ausgestorbene Friedhöfe auf. Das Vogelparadies finde ich nicht, dafür aber wieder einen der endlos langen Sandstrände und am Ende auch den empfohlenen Pub. Leider spielt am heutigen Abend keine Live-Band und so rolle ich nach zwei Pints gemütlich wieder nach Hause.

Dort ist inzwischen ein schwäbisches Paar eingetroffen und bestaunt mit großen Augen Villa Kunterbunt. Wir plaudern fast bis Mitternacht und ziehen uns gleichzeitig zum Schlafen zurück.

 

Donnerstag, 5. Juni: Kilmore Quai-Roscoff

Völlig ausgeruht, nach einem ausgiebigen Frühstück, sorgfältig das Gepäck auf der
Yamaha verzurrt, fahre ich, völlig entspannt und relaxed, gegen Mittag los, um auf das gemütlichste noch da oder dort einen Stop einzulegen, dabei aber auch rechtzeitig in Cork anzukommen.
Kurz hinter Waterford passiert es dann:
Da, wo sich die Fahrbahn zu einer Steigung hin verengt, bricht das Auto vor mir den
Überholvorgang an einem Laster abrupt ab und kommt nach einer starken Bremsung fast zum stehen.

Ich bremse so gut ich kann. Es reicht mir nicht mehr! Ich fahre auf, mein Vorderrad touchiert die Stoßstange, ich stürze seitlich ab und bleibe neben der Maschine, die sich einfach auf die Seite legt, liegen.

Als erstes stelle ich fest: Alle Knochen noch ganz, ziehe den Helm ab. Sofort sind Leute um mich, bemühen sich, meinen Zustand zu erkennen.
Am Straßenrand steht die Fahrerin, deren Stoßstange mich ausgebremst hatte, mit ihrem Mann und zwei Kindern. Zwei Helfer heben die Maschine auf und stellen sie an den Fahrbahnrand.

Mein rechter Unterschenkel schmerzt, aber ich kann gehen und stehen. Die Yamaha ist auf der rechten Seite angeschrammt: Bremsgriff und Blinker kaputt. Unglücklicherweise hängt mein Zündschloß lose zwischen den Armaturen -der Motor springt nicht mehr an. Ich berate mich mit meinen Helfern, mache deutlich, daß ich so schnell wie möglich die Fähre in Cork noch erreichen will, da das nächste Schiff erst wieder in einer Woche geht.

Ich bin okay und so machen sich meine "Unfallpartner" auf den Weg, ein Fahrzeug mit Hänger zu finden, das mich und meine Maschine zum Schiff bringen soll. Es ist jetzt 14 Uhr.

Um 15 Uhr taucht am Horizont endlich ein hochbeiniger Geländewagen mit Pferdeanhänger auf. Üblicherweise hat der Fahrer ein paar Strohballen in den Anhänger gepackt, auf denen wir das Motorrad gut gepolstert ablegen können - so  machen sie das hier immer, wie er mir erklärt.

Zunächst steuern wir die Tankstelle des Abschleppers an. Dieser verhandelt erst einmal in aller Gemütsruhe mit meinem Unfallpartner, der angeblich doch einen Schaden an der Stoßstange seines Fahrzeugs erlitten hat, der direkt nach dem Unfall sofort nicht erkennbar schien..

Der Garagenmann behauptet, die Reparatur würde ca. 700 Pfund kosten und ich
mache deutlich, daß ich augenblicklich nicht bereit bin, irgendwelche Geldleistungen zu erbringen. Dies müsse über meine Kfz-Haftpflichtversicherung geregelt werden. Man soll mir eine ordentliche Rechnung schicken.

Der Abschlepper will für den Transport nach Cork 120 Pfund; dies sei entsprechend der Kosten, wie sie der Irische Automobilclub erstattet und mein Kreditkartenkonto wird unvorhergesehenerweise belastet. Die Zeit schreitet voran und ich erfahre nun am eigenen Leib, was irische Gelassenheit bedeuten kann.

Um zwanzig vor vier fahren wir endlich los. Sozusagen im Pferdeanhänger-Galopp geht es auf der N 21 nach Cork. Vor uns unvermeidlich, ein vom Traktor gezogener Heuwagen, unüberholbar; dann Verkehrsstau in einer Ortsdurchfahrt.

Immerhin kann mein Transporteur über Autotelefon klären, daß die Flußfähre in Cobh kontinuierlich fährt und groß genug ist, das Gespann aufzunehmen.

Als wir dort endlich ankommen legt sie gerade ab. Glücklicherweise kommt die Gegenfähre wenige Minuten später an. Es ist jetzt 16 Uhr 45.
Auf der anderen Seite sind es immer noch 5 lange, der gewundenen Straße folgende
Kilometer! Drei Minuten vor 5 Uhr erreichen wir den Checkpoint des Fährhafenterminals. Ich kann erkennen, daß die Ladeluke der Fähre noch offen ist. Den Pferdeanhänger entladen wir auf der Rampe und drei Hafenarbeiter schieben mich in den Bauch des Dampfers. Hinter mir schließt sich das Tor zum Kontinent. Das Schiff legt ab.

Es ist 17.05. Ich hab es geschafft!

Erschöpft lade ich das Gepäck ab, das ich mit in die Kabine nehmen will. Auf der Ladefläche des Transporters neben mir blöken Schafe und schicken ihren Urin in dünnen Rinnsalen über den stählernen Decksboden, kaum eine Stelle freilassend, auf der ich meine Taschen abstellen kann. Schwitzend verzurre ich das Motorrad an
der Bordwand. Wozu, frage ich mich? Ist ja eh kaputt und auf ein weiteres Mal umfallen kommt es jetzt auch nicht mehr an

Beim Treppen steigen spüre ich jetzt erst richtig, wie mein Bein schmerzt. Es ist vermutlich nur eine starke Prellung, vermute ich, aber jede Stufe will einzeln überwunden werden (Wochen später erklärte mir mein Arzt, daß der Wadenbeinbruch nahezu verheilt ist...).

Ich schleppe mich und mein Gepäck zum Kabinendeck und ach, wieviel Glück im
Unglück: Die Vierbett-Kabine gehört mir ganz alleine! Ich schäle mich aus dem Leder, dusche mich, versorge die kleinen Schürfwunden am rechten Knie mit Salbe und Pflaster.

Als ich mich mit einem meiner letzten irischen Pints an einen Tisch im Pub der Fähre setze, kommt mir die Frau gegenüber irgendwie bekannt vor. Auch ihr Blick signalisiert ähnliches, wird aber gleich zurückgenommen, als ich beginne in "Angelas Ashes" weiterzulesen.

Keine Minute später sitzt ihr Partner mit am Tisch, fixiert mich und fängt herzhaft an zu lachen. Auch er kommt mit bekannt vor und plötzlich erinnere ich mich, daß ich beide aus unterschiedlichen Szenen in Karlsruhe kenne:
Brigitte ist Sprecherin bei TV Baden und Roger habe ich vor zwei Jahren bei "Das Fest", ein Open-Air-Festival in der Günther-Klotz-Anlage vor dem Regen gerettet, indem ich ihm und seinen Freunden im Bierzelt Schutz und Nachschub verschafft habe.

Da es keine Zufälle gibt, wundert es mich wenig, daß beide mit einem Motorrad in Irland unterwegs waren und Roger zu allem Überfluß in früheren Jahren auch mal mein Modell gefahren hat. Er schlägt vor, morgen früh, kurz bevor wir anlegen, einen Blick auf meine Unfallmaschine zu werfen. Ganz entspannt fließen jetzt meine letzten Irischen Pfunde in flüssig in meine Kehle und ich bin dankbar, anschließend meine Glieder auf der Koje meiner "Solokabine" ausstrecken zu können.

Mein Körper ist nun völlig enthemmt:
Es ziept hier, pocht dort und immer wenn ich mich versuche umzudrehen erregt mein rechter Unterschenkel meine ganz besondere Aufmerksamkeit.

 

Freitag, 6. Juni: Roscoff- St. Berthevin

Es ist eine schreckliche Nacht. Zu den Schmerzen im Bein gesellen sich noch die in der Schulter, wo sich eine schon lange zuvor diagnostizierte Kalkablagerung entzündet hat.
Für alle Fälle nehme ich von den Schmerztropfen, die ich fürsorglich in meine
Reiseapotheke gepackt hatte, creme erneut alle Stellen, die weh tun, mit Heilsalbe ein.

Um 8 Uhr wälze ich mich aus der Koje, kann kaum auf meinem verletzten Bein stehen. Mühselig verstaue ich meine Sachen, humpele im Leder auf das Restaurantdeck, wo Roger schon bei einer Tasse Kaffee sitzt. Bald sitzt auch Brigitte dabei und wir frühstücken. Der Kaffee ist heiß und die frischen Croissants
schmecken gut.

Roger trägt mein Gepäck zum Fahrzeugdeck, ich humpele hinterher, bin froh, keine Stufen mehr absteigen zu müssen. Der Bremsgriff fehlt -klar, ohne den kann ich nicht fahren. Beim Fummeln am ausgebrochenen Zündschloß plötzlich ein Kontakt und mein Ofen brummt so wie ich es mag und kenne. Aber gleich ist wieder alles aus, weil die weich gefederten Metallblättchen nicht zusammen bleiben wollen -wie auch, wenn der nötige Halt fehlt? Der Blinker ist keiner mehr, aber auch nicht so wichtig; Der geborstene Spiegel ist auch zu verschmerzen, zumal ich auf dem Kontinent wieder auf der rechten Seite fahren muß. Alles ist wieder machbar, meint
Roger. Er will für mich an Land eine Werkstatt finden und dann sehe man weiter.
Unter Aufbietung meiner ganzen Kräfte, die Schmerzen in Bein und Schulter ignorierend, schiebe ich das voll bepackte Motorrad über das endlos lange Parkdeck.

Am Ende der Rampe, die zu meinem Glück weder ansteigt noch abfällt, stelle ich das Motorrad erschöpft auf den Seitenständer und wische mir den Schweiß von der Stirn. Einer der Hafenarbeiter, die mit ihren mächtigen Zugmaschinen Schiffscontainer auf den Sattel nehmen, merkt, daß bei mir etwas nicht in Ordnung ist und spricht mich an. Ich erkläre ihm kurz meine Situation und meinen Wunsch, eine Reparaturwerkstatt für mein Motorrad zu finden. Er schlägt vor, wenn er seine augenblickliche Arbeit beendet habe, eine ihm bekannte Werkstatt im Ort anzurufen.

Inzwischen sind auch Brigitte und Roger von Bord; ich erkläre ihnen, daß ich bereits Hilfe angeboten bekommen habe und wünsche ihnen glückliche Heimfahrt.

Zehn Minuten später nimmt mich mein hilfsbereiter Hafenarbeiter mit in sein
Führerhaus und fährt in eine nahe gelegene Fahrzeughalle. Dort telefoniert er mit einer Citroen-Werkstatt im Ort.

Fünf Minuten später sind zwei Jungs mit dem Abschleppwagen da und schieben mein Motorrad auf die Pritsche. In der Werkstatt herrscht reger Betrieb; ein
Mechaniker guckt sich die Schäden an der Yamaha an und verschwindet. Ich finde eine altes Sitzpolster für meine wehen Glieder und lese -was soll ich auch sonst tun -in "Angelas Ashes". Als ich in den Ort hinke, um mir etwas zu essen zu kaufen, treffe ich Jean-Pierre, meinen hilfsbereiten Hafenarbeiter, auf dem Weg in die Mittagspause: Ich möchte ihn auf einen Drink einladen. In der bretonischen
Pferdewetten-Schwemme gibt es natürlich kein Guinness, dafür frisches Amstel. Mein freundlicher Retter läßt sich leider nicht einladen; wir plaudern, rauchen, trinken. Ich bedanke mich nochmals herzlich bei ihm und wir verabschieden uns.

Zurück in der Werkstatt, herrscht dort Totenstille -Mittagspause, die muß sein! Ich mache, hingestreckt auf einen alten Karton, einen Mittagsschlaf. Als sich wieder Leben in der Garage regt, taucht alsbald der für mich zuständige Mechaniker auf. Er hat einen Bremsgriff in der Hand -gebraucht zwar, aber passend. Den bgebrochenen
Zündschloßzylinder gelingt es ihm, mit zwei längeren Schrauben wieder zu arretieren; der Kontakt funktioniert wieder bestens. Am Blinkerstummel befestigt er noch eine Birne mit Klebeband; es blinkt nun weiß -aber besser als gar nicht. Den Gehäusedeckel neben der Fußbremse kann man mit drei von vier Schrauben wieder befestigen: Das kleine, häßliche Loch ist kaum wahrnehmbar und völlig bedeutungslos.

Ich kann es noch nicht fassen:
Die Yamaha wieder fahrbereit und ich bin es auch! Ich würde tanzen, ließe mein Bein es nur zu! Die Rechnung in Höhe von 800 Francs kann ich nicht vollständig bezahlen, mein Geldbeutel gibt nur noch 720 Francs her. Die Chefin ist großzügig, lehnt mein Angebot, die Restsumme über einen Geldautomaten zu ergänzen,
kategorisch ab. Ich bin gerührt über so viel Entgegenkommen und bedanke mich
überschwenglich.

Um 17 Uhr sitze ich wieder auf meinem Bock; schmerzfrei fast, weil Sitzen angenehmer als Gehen ist. Das Motorrad fährt unauffällig; den am Chassis scheppernden Auspuff biege ich etwas gerade, was mir mit der leicht verbogenen
Fußbremse nicht gelingt, die ist nämlich aus Aluminium. Also ist mit dem Fuß bremsen nur mit einer graziösen Sidestep-Bewegung möglich, was mir auf dem Hintergrund meiner Schmerzen besonders grotesk erscheint.

In Morlaix finde ich die Schnellstraße nach St. Brieuc. Heftige Windböen von rechts zwingen mich in Schräglage, obwohl ich doch nur geradeaus will. Nieselschauer und das Spritzwasser der mich überholenden Fahrzeuge trüben das Visier.

Ich renne nach Rennes, nehme die Autobahn Richtung Le Mans. Kurz vor Laval suche ich mir eine Unterkunft in einem "Routier-Hotel". Im hoteleigenen Restaurant nehme ich ein ausgiebiges Menü. Der Wetterbericht im TV verspricht nichts Gutes. Die Schmerzen in meiner linken Schulter haben die im Bein überholt, als ich mit Hilfe von ein paar Tropfen aus der Medizinflasche endlich einschlafen kann.

 

Samstag, 7. Juni: St. Berthevin - Durlach

 

Es hat die ganze Nacht wie aus Kübeln geregnet. Noch beim Frühstücken gehen heftige Schauer nieder und ich finde mich mit dem Gedanken ab, meine gequälten Glieder nun in den engen Regenkombi zwingen zu müssen.

Nach der letzten Tasse Kaffee hat der Regen aufgehört. Ich befestige mein Gepäck und verzichte auf die Regenkombi. Am östlichen Horizont schiebt sich Blau zwischen die Wolkenbänder und erste Sonnenstrahlen mogeln sich durch. Die Fahrbahn ist noch ziemlich naß.

Nur mit der rechten Hand gelingt es mir, mein Visier klar zu wischen; mit der Linken kann ich gerade noch den Blinker betätigen, muß glücklicherweise -kontinuierlich im 5. Gang fahrend -nur noch selten schalten. Der Schmerz der Entzündung im Schulterbereich hat sich über den Arm bis hin zum kleinen Finger ausgebreitet.

Hinter Le Mans hat die Sonne endgültig die Oberhand gewonnen und in Orleans komme ich ins Schwitzen, als ich mitten in der Stadt auf einer Verkehrsinsel eine Zigarette rauche. Über Landstraßen erreiche ich Troyes, mache im Schatten einer Scheune eine bitter nötige Pause, kann sogar ein wenig schlafen.

Es ist kurz vor Vier, als ich unvermittelt die Auffahrt zur A 5 erklimme. Nancy ist jetzt ausgeschildert und dort möchte ich unbedingt hin.
Durch die Haute Marne geht es im Schweinsgalopp; bei 6000 Umdrehungen fährt
die Yamaha exakt 140 Stundenkilometer. Ich steige erst wieder ab, als mich der leer werdende Tank nach 250 km dazu zwingt. An der Maut-Stelle vor Nancy erkenne ich beim Einfahren ganz rechts eine Motorradspur; ein Schild, auf dem "Securite" steht, weist eindeutig auch ein Motorradsymbol auf. Dennoch fahre ich den
Zahlemann einer normalen Pkw-Spur an. Der gestikuliert heftig und gibt zu verstehen, ich möge doch eine andere Spur nehmen. Ich verstehe! Er meint wohl die, mit dem Motorradsymbol. Dort sitzt niemand, die Schranke ist offen, hinter der mit gestreiften Hütchen verengten Fahrspur.

Kostenlos verlasse ich die Péage, leicht verunsichert, ob dies nun illegal oder der Großzügigkeit der an dieser Stelle Verantwortlichen zu verdanken war. Es ist jetzt 20 Uhr und immer noch hell. Die massenhaft ausgeschwärmten Mücken verkleben mir die Sicht durchs Visier und zwingen mich immer wieder zum Anhalten und zu erneuten Reinigungen des Helms.

Die N 4 nach Strasbourg ist kaum befahren, im Westen ist der Himmel immer noch erleuchtet. Ab Gondrexange fahre ich zum ersten Mal wieder in einer mir vertrauten Landschaft, durch die ich Sarrebourg erreiche. Von Saverne aus ist es nur noch ein Katzensprung bis Haguenau.

Die Straßen gleiten unter mir hinweg; kontinuierlich schwinge ich durch die Vogesen, verwundert, daß sich das alte Fahrgefühl wieder eingestellt hat. Motorrad fahren ist einfach eine tolle Sache.
Die Schmerzen in Schulter und Bein sind kaum noch zu spüren, werden durch die Wirkung der Tropfen überdeckt. Auch die einsetzende Müdigkeit hilft, die letzten Kilometer hinter mich zu bringen.

In Haguenau mache ich eine letzte Zigarettenpause und trinke eine Tasse
lauwarmen Tees, den die treue Thermoskanne für mich aufgehoben hat. Auf der Weiterfahrt durch die Nacht kommen mir die durchs von Fliegen verklebte Visier betrachteten Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge wie Sternschnuppen vor. Jetzt bloß keinen tippelnden Igeln, hoppelnden Karnickeln oder gar einem klitzekleinen Reh in die Quere kommen - auf den letzten Kilometern!

Nach der Rheinbrücke, auf der Südtangente, bin ich quasi zu Hause. Es ist 23 Uhr, als ich die Mühle in meiner Hauseinfahrt mit letzter Kraft auf den Hauptständer bocke. Es ist tatsächlich wahr. Ich bin wieder daheim. Meine Wohnung empfängt mich in gewohnt vertrauter Atmosphäre- als wäre nichts passiert!

Später, als ich im Bett liege, zittert mein ganzer Körper. Die Spannung weicht nur langsam und ich überlege, ob ich mich jemals wieder auf ein Motorrad setze, hätte doch alles viel schlimmer kommen können. Ist es aber nicht! Mal sehen, wie ich mich morgen fühle.

 

 
 
 
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